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Freyenstein geht neue Wege : Die Letzten machen das Licht an

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Der demografische Wandel verändert Brandenburg. Jüngste Prognosen sagen bis 2030 einen Rückgang um knapp 300 000 Menschen auf rund 2,2 Millionen voraus. Die eine Hälfte der Brandenburger wird dann auf 15 Prozent der Landesfläche im Speckgürtel rund um Berlin leben.

Am Gebäude des Rathauses der nordbrandenburgischen Stadt Freyenstein hängt das schon lange vergilbte Schild „Zu verkaufen“. Ein Café im Mittelpunkt der Stadt: Fehlanzeige. „In den 1960er Jahren waren hier ein Bäcker, ein Fleischer, ein Bekleidungshaus, ein Laden für Weißwaren und einer für Schuhe“, schildert Ortsvorsteher Manfred Engel. „Heute gibt es drei Einkaufsmöglichkeiten: den Supermarkt, das Fruchtkörbchen und eine Fleischerei“, sagt der 63-Jährige. Die einen schätzen die idyllische Ruhe, andere ängstigt die Grabesstille.

Die Zukunft des Supermarktes ist gerade unklar: möglicherweise schließt er im Herbst. Es fehlen Kunden. Dann bleiben den Älteren nur noch die in der Stadt haltenden mobilen Einkaufswagen.

Der demografische Wandel verändert Brandenburg. Jüngste Prognosen sagen bis 2030 einen Rückgang um knapp 300 000 Menschen auf rund 2,2 Millionen voraus. Die eine Hälfte der Brandenburger wird dann auf 15 Prozent der Landesfläche im Speckgürtel rund um Berlin leben. Der Rest verteilt sich auf das übrige Land.

Die Letzten könnten eigentlich das Licht ausmachen. „Wir leben aber gern in Freyenstein. Das soll auch so bleiben“, sagt Andrea Müllenberg (50), Mitglied im Förderverein der Stadt. „Wir schauen nicht nur in die Vergangenheit, sondern kümmern uns auch um die Zukunft“, sagt sie. Der Altersdurchschnitt in Freyenstein liegt bei 50 Jahren. Es gibt 56 Kinder, die in den Kneipp-Kindergarten gehen.

Zur 750-Jahr-Feier im Vorjahr waren den Vereinsmitgliedern die leeren Schaufenster der aufgegebenen Geschäfte ein Dorn im Auge. „Die Eigentümer der Häuser wurden angesprochen, die Auslagen zu dekorieren“, sagt Vereins- und Ortsbeiratsmitglied Andreas Frölich. „Fast alle machten mit.“

Vereine nutzten die Möglichkeit der kostenlosen Präsentation. Turner, Fußballer oder Reiter stellten ihre Hobbys vor. Die Frauen vom Handarbeitsklub gingen mit ihren Arbeiten an die Öffentlichkeit. „Die dunklen Löcher waren plötzlich verschwunden“, sagt Ortsbeiratschef Engel.

Im Advent war dann in den Abendstunden die Marktstraße hell erleuchtet. „In weihnachtlich geschmückten Schaufenstern wurde für Stunden das Licht angeknipst“, sagt Müllenberg.

Die Aktion läuft nun weiter. Den sich aufdrängenden Vergleich mit einem „Potemkinschen Dorf“ weisen die Freyensteiner zurück. „Bei uns wird nicht nur eine schicke Kulisse vorgegaukelt“, sagt Müllenberg. Auch hinter den Fassaden der denkmalgeschützten Häuser gibt es Leben.

Doch statt der 1400 Einwohner einst 1970 sind bis heute nur noch 900 übrig geblieben. „Die sollen sich aber wohlfühlen und sehen, dass etwas passiert“, sagt Ortsvorstand Engel. Der Förderverein organisiert Feste und gibt ein Mitteilungsblatt heraus. Der Büchermarkt mit fast 20 000 Werken geht auch auf seine Initiative zurück.

„Hier gibt es ein Flair, was andere Städte suchen“, wirbt der Wittstocker Bürgermeister Jörg Gehrmann (CDU) für den Ortsteil. Das müsse nur aufpoliert werden. 2015 öffne nach mehrjähriger Sanierung das Schloss. „Es ist auch ein Symbol, dass hier etwas passiert“, betont er. Veranstaltungen seien geplant, eine Bibliothek ziehe ein.

Aber auch die Vergangenheit von Freyenstein ist allgegenwärtig. Ein paar hundert Meter vom heutigen Ort entfernt entstand im 13. Jahrhundert die gleichnamige Stadt. Sie wurde aber aus bislang ungeklärten Gründen 1287 schon wieder aufgegeben.

So wie der Ort verlassen wurde, blieb er unter Ackerboden erhalten: europaweit ein Ausnahmefall. Archäologen arbeiten seit Jahren im „Pompeji der Prignitz“, legen Keller frei oder dokumentieren den Verlauf von Straßen oder Hausgrundrissen. Im Archäologischen Park können Touristen das Werden und Vergehen einer Stadt erleben - und ein paar Meter entfernt sehen sie, mit welchen Ideen ein Ort lebendig bleiben kann.

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