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ein deutschlandweit einmaliges Projekt : Die Letzten ihrer Art

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

In einer Zuchtstation in Linum (Ostprignitz-Ruppin) kämpfen Biologen um den Erhalt der letzten heimischen Sumpfschildkröten. Ob deren Bestand sich künftig erholt, ist noch völlig unklar.

In einer Zuchtstation in Linum (Ostprignitz-Ruppin) kämpfen Biologen um den Erhalt der letzten heimischen Sumpfschildkröten. Ob deren Bestand sich künftig erholt, ist noch völlig unklar.

Das gepanzerte Tier zappelt in den Händen von Norbert Schneeweiß, der behutsam über eine Pfote streicht. In der Naturschutzstation wird die Sumpfschildkröte in einer kleinen Quarantänebox gepflegt, nachdem ein Spaziergänger das verletzte Exemplar inmitten eines Neubaugebiets in Potsdam gefunden hatte. Wie es dort hinkam, ist unklar.

Nebenan tummeln sich Dutzende Schildkröten in einer künstlich angelegten Sumpflandschaft. Bemerken sie Menschen, lassen sie sich sofort ins Wasser plumpsen. Einen Namen trägt keines der scheuen Reptilien, sie werden allein nach dem Herkunftsort unterschieden. So heißt ein Weibchen Märkische Schweiz I. „Das ist hier kein Zoo, sondern reine Wissenschaft“, erklärt Schneeweiß.

Der Leiter der Linumer Schildkrötenzucht, einer Einrichtung des Landesumweltamtes, kann stundenlang über die possierlichen Tiere erzählen, die zwar in unzähligen Gartenteichen und Wohnzimmern gehalten werden, in der Natur jedoch praktisch so gut wie ausgestorben sind. In Nordbrandenburg, eine seenreiche und menschenleere Region, könnte ihre Rettung gelingen.

„Hier leben deutschlandweit die letzten Schildkröten in freier Wildbahn“, sagt der 54-jährige Biologe. Eine immer intensivere Nutzung landwirtschaftlicher Flächen haben die Lebensräume der Tiere dramatisch eingeschränkt. Ein Grund für den Rückgang der Population sind auch Klimaveränderungen sowie die Fischerei.

Hinzu kommt: Über Jahrhunderte wurden Sumpfschildkröten gejagt. Die Rettung wird für Schneeweiß und seine Kollegen daher zu einer Sisyphus-Aufgabe. Als Relikte der Urzeit sind Schildkröten für modernen Zeiten nicht mehr gemacht. „Sie finden einfach keinen Platz mehr“, sagt der Fachmann. Sümpfe wurden ausgetrocknet, neue Straßen bedeuten tödliche Gefahr während der Wanderung zu den Eiablageplätzen. „Wir können nur noch die verbliebenen Refugien schützen, das ist ein Arche-Noah-Prinzip.“ Ein Problem, das auf viele geschützte Tiere in Brandenburg zutrifft: Laut einem Bericht des Landesumweltministeriums ist jede zehnte der 6000 im Land vorkommenden Arten akut vom Aussterben bedroht Als Mitte der 90er-Jahre das Projekt gestartet wurde, mussten die Wissenschaftler lange nach freilebenden Schildkröten suchen. Fast alle der bis zu 20 Zentimeter großen und gelb gepunkteten Tiere waren sozusagen im Seniorenalter. „Uns war klar, dass wir schnell geeignete Brutplätze schaffen müssen, damit sie nicht völlig verschwinden“, sagt Schneeweiß. Dafür wurde lange mit Landwirten verhandelt.

400 junge Schildkröten sind bislang in der Station geschlüpft, die dann in der Natur ausgewildert wurden. Wie viele von ihnen dort überlebten, wissen die Biologen noch nicht. In den ersten Jahren bis zur Geschlechtsreife lassen sich Schildkröten nur selten blicken.

Laut Schätzungen leben in freier Wildbahn nur rund 100 Exemplare. Immer wieder rufen zwar Ausflüglerin der Naturschutzstation an, wenn sie eine Schildkröte beobachtet haben. Doch letztlich stellt sich fast immer heraus, dass es sich um Haustiere handelt, deren Besitzern die Pflege zu aufwändig wurde – oft nordamerikanische Schmuckschildkröten, die in jedem Zoohandel erhältlich sind.

Die Prognosen der Wissenschaftler für die heimischen Sumpfschildkröten klingen wenig optimistisch. Denn die Tiere haben in der Natur einen neuen Feind: Waschbären, die in machen Gebieten für Totalverluste bei ausgewilderten Jungtieren sorgt. Zusammen mit ehrenamtlichen Helfern versuchen die Wissenschaftler gegenzusteuern. Eiablageplätze werden umzäunt, Gelege bewacht.

Zusätzliche Probleme verursachten Diebe, die vor einigen Jahren in die Naturschutzstation einbrachen und die letzten drei Weibchen stahlen. Per Steckbrief im Internet fahndete Schneeweiß nach den Tieren. Die Täter brachten zwei der Schildkröten später anonym ins Tierheim. Es war die Rettung des Zuchtprojekts – zumindest vorerst.

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