Die Janottas – ein Fußballclan

Die Janotta-Mannschaft: Für die acht Brüder drehte sich fast alles um das runde Leser und auch Mutter Liesbeth (Mitte) war meist in der Nähe, wenn ihre Jungs auf dem Platz standen. Repro: privat
1 von 2
Die Janotta-Mannschaft: Für die acht Brüder drehte sich fast alles um das runde Leser und auch Mutter Liesbeth (Mitte) war meist in der Nähe, wenn ihre Jungs auf dem Platz standen. Repro: privat

Eine Familie, eine Leidenschaft: Jahrzehntelang traten acht von zehn Janottas gegen den Ball – die anderen waren Mädchen

svz.de von
11. Dezember 2014, 18:01 Uhr

Von zehn Geschwistern spielten acht ihr Leben lang Fußball: Die Janottas aus Leegebruch (Oberhavel)sind eine echte Fußballfamilie. Wie es sich anfühlte, Teil dieses Clans zu sein, ohne gegen den Ball zu treten, weiß Ingrid Gill, die letzte verbliebene Schwester der Janottas.

Doch erst einmal wirkt sie ein bisschen nervös. Ausgerechnet Ingrid Gill soll nun im Mittelpunkt stehen. Wo es doch um Fußball geht. Und das, obwohl sie gemeinsam mit ihrer verstorbenen Schwester Liselotte ja wohl die Einzige unter all ihren zehn Geschwistern war und ist, die mit Fußball überhaupt gar nichts am Hut hat. „Ich guck’ keinen Fußball“, sagt die Frührentnerin.

Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Aber von vorn: Ingrid wurde 1952 geboren. Als drittes Kind der Familie Janotta. Ein Brüderchen, ein Schwesterchen. Eine ganz normale Familie in der ostdeutschen Nachkriegszeit. Bis 1955. Ab da begann im Hause Janotta eine neue Zeitrechnung. Sieben weitere Geschwister kamen zur Welt. Ausschließlich Jungs. Und wenige Jahre später sah jeder Sonnabend und jeder Sonntag bei den Janottas in etwa so aus: Aufstehen, Frühstücken, raus zum Fußball, Mittagessen, wieder Fußball, bis es dunkel wird. „Schlimme Zeiten“, sagt Ingrid Gill. „Aber auch schöne. Manchmal so, manchmal so.“

Die kleine Plattenbau-Wohnung in der Nähe vom Oranienburger Schloss ist aufgeräumt. Hätte Ingrid Gill nicht die vielen Bilder auf den Tisch gelegt, es gäbe nicht den geringsten Hinweis auf die Fußballfamilie, aus der sie stammt. Aber wer in Oranienburg und Umgebung ihren Mädchennamen Janotta hört, denkt automatisch an: Tore, Siege, Fußballgeschichte.

Einer der Gründe steht jede Woche rund zehn Kilometer von der kleinen Wohnung entfernt auf einem Trainingsplatz in Velten: Eberhard Janotta ist Trainer der ersten Mannschaft beim SC Oberhavel Velten. Ein Traditionsverein, der nicht viel mehr hat als seine Tradition. Früher spielte man hier als Chemie Velten in der zweithöchsten DDR-Spielklasse. Dann kam die Wende. Und nach furiosen Jahren in der Ober- und Regionalliga der lange Abstieg. Seit einigen Jahren dümpelt der SC Oberhavel in der Landesliga herum. Früher kamen nicht selten 1000 bis 2000 Zuschauer. Im letzten Derby gegen Forst Borgsdorf waren es 35. „Es sind schwere Zeiten“, sagt Eberhard Janotta.

Obwohl er erst seit gut einem Jahr hier ist und eigentlich sein Bruder Peter früher für die Grün-Weißen die Tore schoss, kennt ihn in Velten jeder. Als Chemie damals seinen Höhenflug hatte, lief es auch für Eberhard Janotta prächtig. Er spielte bei Stahl Brandenburg, erst DDR-Oberliga, dann zweite Bundesliga.
„In der Oberliga, da waren die Stadien voll. Oft mehr als 20  000 Leute“, sagt er.

Eberhard Janotta ist so etwas wie eine lebende ostdeutsche Fußballlegende: Für Stahl Brandenburg schoss er das erste internationale Tor der Vereinsgeschichte – im Europapokal gegen den nordirischen Erstligisten Coleraine FC. Dann knickte er im Training um und konnte in der zweiten Runde gegen Göteborg nicht mitspielen. Stahl flog raus. Göteborg wurde Europapokalsieger. „Vielleicht wäre es anders gelaufen, wenn ich mitgespielt hätte“.

Während die Janotta-Jungs und Mutter Lisbeth damals im heimischen Leegebruch an den Fernsehgeräten klebten, war Ingrid das alles ganz egal. „Ich habe doch keine Ahnung, wer wohin schießen muss“, sagt sie. Und die internationalen Erfolge von Eberhard? Das Länderspiel? Die zweite Bundesliga? „Ich mach mir doch keinen Kopf, weil die Fußball spielen“, sagt sie entschlossen. Sie erinnert sich an die Konfirmation im Frühsommer 1966. „Wir sind zur Kirche gegangen, Oma und Opa hatten Mittag gekocht, und später habe ich Geschenke ausgepackt. Auf einmal war der Erste verschwunden. Bald war gar keiner mehr da.“ So lief das zu Weihnachten, an Geburtstagen, jedes Wochenende. Fußball, Fußball, Fußball.

Die Oranienburgerin hat sich ein fußballfreies Hoheitsgebiet geschaffen. Nie wieder dreckige Stutzen waschen, nie wieder den Modder und die Steine aus den Taschen der Sporthosen puhlen. „Einmal habe ich ein Trikot gewaschen, das voller Hundekacke war“, sagt sie und muss ein wenig lachen.

Die Wochenenden waren für Ingrid und ihre Schwester nicht einfach: Neben dem Waschen ganzer Trikotsätze mussten die Mädchen für die Jungs oft das Essen warmhalten. „Dafür hatte Mutter kleine Pfännchen vorbereitet, die auf dem Herd standen.“

Mama Lisbeth verbrachte die meiste Zeit selbst auf dem Platz. „Entweder hat sie in der Gaststätte Würste warm gemacht oder an der Bande meine Brüder angefeuert.“ Und Mädchensachen? Puppen? Jungs? Ingrid Gill nimmt die Brille ab und atmet durch: „Eigentlich nicht so.“ Trotzdem sagt sie: „Ich hatte eine schöne Kindheit“.

Das sagt auch Eberhard Janotta. Mit 18 ging er zu Motor Babelsberg, dann zu Stahl Hennigsdorf, Chemie Schwedt, Stahl Brandenburg, Bergmann-Borsig, Eintracht Oranienburg und wieder zurück nach Leegebruch. In der Saison 2006 stellte er sich als Trainer noch einmal selbst auf den Platz. Im letzten Spiel. Mit 45 Jahren. Alles oder nichts. „Wenn alles gegen uns gelaufen wäre, hätten wir absteigen können“, sagt er. Lief es aber nicht. Eberhard Janotta schoss zwei 30-Meter-Freistoßtore und sein Verein blieb in der Landesklasse.

Ingrid Gill winkt noch immer ab, wenn sie solche Geschichten hört. Kamen ihre Brüder früher geknickt nach Hause, weil sie verloren hatten, sagte sie einfach: „Hör doch auf zu spielen, haste keine Sorgen mehr.“ Sagt sie auch heute noch.

Irgendwann hörte sie selbst auf, zog aus. Weit weg vom Ball kam sie aber nicht. Sie verliebte sich in den Mann, der ihr jetzt gegenüber sitzt und in den alten Fotos stöbert: Wolfgang Gill, Spieler, Trainer, Fußballer mit Leib und Seele. Ihrem Sohn Steffen wollte er einmal vor dem Balkon in Oranienburg Stützräder an dessen Kinderfahrrad bauen. Jemand kam vorbei und passte einen Ball herüber. Wolfgang nahm an und das Schicksal seinen Lauf. Der Bolzplatz hinter dem Haus wurde zum zweiten Wohnzimmer der Gills. Das Waschen, die miese Stimmung nach bitteren Niederlagen, alles ging wieder von vorne los. Ihr Sohn Steffen ist heute lange ausgezogen, wohnt weit weg. Aber die Geschichten bleiben doch irgendwie dieselben: Die ersten Janotta-Enkel haben das runde Leder schon für sich entdeckt. Ein Mädchen ist nicht dabei.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen