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aktiv: : Die Häkel-Queen von Trebnitz

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Liselotte Bellach hat gerade ihre Häkel-Welle. „Im Sommer habe ich angefangen, eine Patchwork-Decke für einen Enkel zu häkeln“, erzählt sie. „Als andere aus der Familie das sahen, wollten sie auch alle eine.“ 32 Stück hat sie seit dem Sommer gezaubert.

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erstellt am 30.Jan.2015 | 14:08 Uhr

Liselotte Bellach steht für eine Generation von Senioren, die noch mitten im Leben stehen. Die Trebnitzerin liebt nicht nur Handarbeiten über alles, sie pflegt auch im hohen Alter noch viele handwerkliche Talente.

Die 81-Jährige zeigt auf einen kleinen Bilderrahmen an der Wand. Er enthält einen goldenen Häkelhaken – in einen lieben Gruß der Enkelin. Liselotte Bellach hat gerade ihre Häkel-Welle. „Im Sommer habe ich angefangen, eine Patchwork-Decke für einen Enkel zu häkeln“, erzählt sie. „Als andere aus der Familie das sahen, wollten sie auch alle eine.“ 32 Stück hat sie seit dem Sommer gezaubert. Sie sind bunt, wie auch manches Kissen dazu. So hätten es sich die Enkel gewünscht, erzählt sie.

Schon immer habe sie Handarbeiten gemocht. Ihre inzwischen verstorbene Schwester sei die größte Konkurrentin gewesen. Jeder habe das schönste Stück stricken, sticken oder nähen wollen. Im ganzen Haus und auch in der Gartenlaube hängen Gobelins. „Jetzt ist nirgendwo mehr Platz“, erzählt die rüstige Dame lachend.

Da kamen ihr die Decken-Wünsche sehr gelegen. „Sie kann nicht anders, muss immer etwas werkeln“, schmunzelt ihr Mann Werner Joneleit. Ganz nebenbei kommt die Lebensgeschichte der gebürtigen Rheinländerin zur Sprache. Als Jugendliche kam sie in ein Heim, weil die Mutter sie und ihre drei Geschwister verlassen hatte. Der Vater war überfordert.

Die Wirren des Krieges führten sie ins Kinderheim Görlsdorf. Dort fand sie eine Anstellung und traf ihren heutigen Mann. Doch die Jugendliebe zerbrach wegen der damaligen Verhältnisse. Werner Joneleit fuhr mit anderen aus dem Dorf immer nach West-Berlin. In der Gastwirtschaft zu Hause machten sie ihre Witze über die krassen Unterschiede von Ost und West und wären um ein Haar ins Gefängnis gekommen. Über Nacht „machten sie in den Westen“, wie es damals hieß.

Beide fanden neue Partner und machten dennoch, ohne es zu wissen, die fast gleichen Schicksale durch. Beide verloren zwei Kinder, durch Krankheit und Unfall. Ihre Partner starben im gleichen Jahr. Der Zufall wollte es, dass Liselotte Bellach vor
14 Jahren erfuhr, dass ihr Werner schwer an den Verlusten zu tragen hatte. Sie war selbst seit zwei Jahren Witwe. Aus einem Gruß-Bestellen wurde ein dauerhafter Kontakt. Nach vielen Telefonaten machte sich die Trebnitzerin kurzerhand auf nach Dortmund, wo der heute 84-Jährige lebte. „Zwei Jahre lang haben wir viel telefoniert, sind gependelt“, erzählt Werner Joneleit. Dann entschieden sich die beiden Senioren, ihren Lebensabend gemeinsam zu verbringen, noch einmal zu heiraten und füreinander da zu sein – und zwar in Trebnitz. Dorthin war Liselotte Bellach 1973 gezogen, weil sie und ihr erster Mann im Kuhstall arbeiteten und dort gebraucht wurden.

Im und am Haus konnte die Seniorin ihr Improvisations- und Handwerkertalent voll ausleben und tut das bis heute. Sie malert noch immer die Zimmer und Flure allein, werkelt ständig herum, kennt sich auch mit Autos aus, erledigt alle Fahrten selbst. „Ich muss mobil sein und bleiben“, steht für sie fest. Sie fährt Nachbarn und Angehörige zu Terminen, absolviert jede Woche ihre Polen-Tour, ist auch einmal in der Woche in der Begegnungsstätte der Volkssolidarität in Seelow. Da weiß man um ihr Geschick und freut sich immer schon auf den Fasching. Jedes Jahr kommt sie in einem anderen Kostüm.

„Ich habe immer kämpfen müssen und hatte daran auch noch Spaß“, sieht Liselotte Bellach ein Rezept für ihre Fitness. Kann ich nicht, gab es für sie nie. Vor zwei Jahren erlernte sie sogar noch das Bedienen eines Computers. Die entbehrungsreiche Kindheit hat die Trebnitzerin nicht vergrämt, sondern ihre soziale Ader gestärkt. Sie freut sich, wenn sie anderen helfen oder eine Freude machen kann. So wie mit ihren Handarbeiten.

Jetzt, wo alle bestellten Decken „geliefert“ sind – Liselotte Bellach hat neun Enkel und zehn Urenkel – kann sie sich mehr Zeit lassen. Als die „Bestellungen“ noch liefen, saß sie manchmal schon morgens um vier am Tisch und häkelte. Derzeit arbeitet sie an einer großen, cremefarbenen Patchwork-Decke für ihre Couch. Ihre Muster und Motive denkt sie sich selbst aus. Nur manchmal holt sie sich aus Zeitungen Anregungen.

 

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