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Wo sind die Toten von Bomber 44-50838? : Die Enkel wollen es wissen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Wer interessiert sich nach so langer Zeit noch für diese Toten? Mehr Menschen als viele meinen, sagt Karsten Richter vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. „Der Volksbund bekommt immer noch säckeweise Anfragen zu deutschen Kriegsvermissten“, erzählt der Landesgeschäftsführer.

Kaum ist das Getreide vom Halm, rückt die US-Army an. Zwei Dutzend Angehörige einer Spezialeinheit, die auf Hawaii stationiert ist, stecken große Rechtecke auf einem Feld nahe der mecklenburgischen Kleinstadt Ludwigslust ab. Einer geht mit einem Metalldetektor über die Stoppeln und steckt Fähnchen in den Boden, wo das Gerät anschlägt. Ein Bagger nimmt 30 Zentimeter Erdreich weg, dann geht es mit Spaten und Schaufel weiter.

Auf großen Sieben wird das Erdreich durchgesehen. Die Mitarbeiter des Joint POW/MIA Accounting Command suchen nach Überresten von Bomber 44-50838. Vor allem suchen sie Hinweise auf die neun Insassen, die ums Leben kamen, als die Maschine am 4. April 1945 bei einem Luftkampf abgeschossen wurde, in zwei Teile brach und auf das Feld stürzte. Niemand weiß, ob sie damals begraben wurden und wenn ja, wo.

„Wenn wir Knochen finden, schicken wir sie ins Labor nach Hawaii“, sagt Nicolette Parr von dem Kommando. Mittels DNA-Proben soll versucht werden, Überreste einzelnen Crew-Mitgliedern zuzuordnen. Die forensische Anthropologin ist weltweit im Einsatz. Vor allem in Vietnam würden Gebeine von US-Soldaten geborgen und in die USA gebracht, sagt Parr. „Bis sie zu Hause sind“, lautet das Motto des Joint POW/MIA Accounting Command. Das gilt auch für vermisste amerikanische Soldaten des Zweiten Weltkriegs.

Wer interessiert sich nach so langer Zeit noch für diese Toten? Mehr Menschen als viele meinen, sagt Karsten Richter vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. „Der Volksbund bekommt immer noch säckeweise Anfragen zu deutschen Kriegsvermissten“, erzählt der Landesgeschäftsführer für Mecklenburg-Vorpommern. Enkel und Urenkel wollten wissen, auf welcher Gräberstätte ihr Vorfahr ruht, um das Grab zu besuchen. Das betreffe auch Tote des Ersten Weltkriegs.

In der warmen Jahreszeit haben die Grabungstrupps Hochsaison. Joachim Kozlowski, Umbetter des Volksbundes, ist in einem Waldgebiet südlich von Berlin im Einsatz. In den letzten Kriegsmonaten gab es im Großraum Halbe einen Kessel. Zehntausende verloren bei den Kämpfen ihr Leben und längst nicht alle wurden auf Friedhöfen begraben, erzählt Kozlowski.

Vorvergangene Woche war eine erfolgreiche Woche für ihn. 17 Tote hat er ausgegraben. „Davon hatten 15 eine Erkennungsmarke“, berichtet der Umbetter. Das erleichtert die Identifizierung und kann eventuell Angehörigen Klarheit geben. Morgen sollen auf dem Friedhof in Halbe die Gebeine von gut 80 Wehrmachtssoldaten bestattet werden, die Kozlowski in diesem Sommer gefunden hat.

Wer einen Kriegsvermissten sucht oder wissen möchte, wo ein Angehöriger bestattet ist, kann sich an den Volksbund wenden. Dieser verfügt über eine Datenbank mit Namen und häufig auch Bestattungsorten von mehr als vier Millionen Kriegstoten. Die Datenbank wird ständig aktualisiert.

Nicht immer hilft die Erkennungsmarke. Im März dieses Jahres grub ein Trupp nahe Dreilützow einen 1945 abgestürzten einsitzigen Jagdflieger aus. Sechs Meter tief hatte sich die Maschine in das Feld gebohrt. Die Ausgräber entdeckten das Flugzeug und darin die Gebeine des Piloten. Die Erkennungsmarke war auch da - allein, sie ist in den Unterlagen der Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht (WASt) nicht registriert, bedauert Volksbund-Geschäftsführer Richter. Jetzt setzen die Aufklärer auf Papiere, die bei dem Toten gefunden wurden. Nach 70 Jahren im Erdreich sind sie angegriffen und mussten gefriergetrocknet werden, sagt Richter. Die Auswertung dauere noch an.

Die US-Soldaten haben das Feld bei Ludwigslust mehrere Wochen lang umgegraben. Vor wenigen Tagen packten sie zusammen und flogen nach Hause. Ihre Funde: kleinere Teile vom Flugzeug, Patronenhülsen und auch Knochensplitter. Letztere werden nun im Labor untersucht. Vielleicht kommen die Leute vom Joint POW/MIA Accounting Command im nächsten Sommer noch einmal, denn einen Teil des abgesteckten Areals haben sie nicht geschafft auszugraben. „We will see“, sagt Parr. „Wir werden sehen.“

Derweil sind die sterblichen Überreste von 40 Soldaten der Roten Armee am Samstag auf dem russischen Soldatenfriedhof in Lebus (Märkisch-Oderland) beigesetzt worden. Die Soldaten waren im Frühjahr 1945 bei Kämpfen im Oderbruch gefallen. Nur fünf der Toten hätten anhand persönlicher Dokumente wie Ausweise oder Briefe identifiziert werden können, sagte der Landesgeschäftsführer des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Oliver Breithaupt. Die Identität von 35 beigesetzten Rotarmisten blieb ungeklärt.

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