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Hochwasser 2013 : Die Elbe bleibt unberechenbar

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Immer wieder tritt der Fluss über die Ufer und bringt die Prignitz an den Rand der Katastrophe - Wir blicken auf die Ereignisse vor einem Jahr zurück

von
erstellt am 06.Jun.2014 | 11:58 Uhr

Zerstörte Brücken, auf Dächern hockende Menschen, im Fluss treibende Autos und Häuser – die Bilder der Elbeflut von 2002 haben sich eingeprägt. Schnell war der Titel „Jahrhundertflut“ vergeben. Zu schnell, wie sich herausstellen sollte. Nur wenige Monate später folgte im Januar 2003 ein Winterhochwasser mit Eisgang. Im April 2006 stieg der Wittenberger Elbpegel erneut über die Sieben-Meter-Marke, kratzte im Januar 2011 gar an den 2002 erreichten 7,34 Meter, um im Juni 2013 einen historischen Rekord aufzustellen: 7,85 Meter.

In immer kürzeren Abständen extreme Wasserstände, kein Hochwasser glich dem vorherigen, jedes stellte den kreislichen Krisenstab und die tausenden Helfer vor neue, unbekannte Herausforderungen. Die Spuren der Flut, die heute vor einem Jahr ihren Höchstand erreichte, sind vielerorts noch deutlich. Grund genug für den Prignitzer einmal zurückzublicken:

Schon kurz nach den ersten Meldungen und Prognosen am 3. Juni 2013 zeichnete sich ab, dass die 7,34 Meter von 2002 übertroffen werden. Aber um wie viele Zentimeter blieb tagelang ungewiss. Die Prognosen schwankten enorm, jagten dem Krisenstab manchen Schauer über den Rücken: Mal hieß es 8,20 Meter, dann 7,45 Meter und zwischendurch gar mehr als neun Meter am Pegel Wittenberge – das hätte Land unter bedeutet.


Ursache waren immense Regenmengen


Ursache waren immense Regenmengen in Tschechien kombiniert mit Dauerregen in deutschen Mittelgebirgen. Saale, Mulde, Elster führten extremes Hochwasser, die Havel ebenfalls. All diese Nebenflüsse schoben ihre Wassermassen Richtung Elbe, während vom Süden eine Flutwelle heranrollte. Routiniert begann der kreisliche und mittlerweile fluterprobte Krisenstab mit seiner Arbeit.

Die Zeit war knapp, da ein Großteil des Wassers über Saale und Havel erwartet wurde, das damit deutlich schneller die Prignitz erreichen würde, als die Flut aus dem Süden. Der Elbdeich ist fast vollständig saniert. Nur die Abschnitte Hinzdorf-Wittenberge und Hinzdorf-Bälow fehlen noch. Einerseits entspannte das die Gesamtsituation, denn die Kräfte konnten konzentriert werden. Andererseits drohte bei den hohen Prognosen eine andere Gefahr: Wittenberge war akut bedroht. Die entstehende Uferpromenade, Ölmühle, Veritaspark, Becker Umweltdienste, der Rehwischdeich und damit das Raw-Gelände galten als extrem gefährdet. Verständlich, dass sich die Stadt Wittenberge erstmals dazu entschied, einen eigenen Krisenstab einzuberufen.

Am 5. Juni rief der Landkreis den Katastrophenalarm aus, forderte die Bundeswehr an. Unter Hochdruck wurden Schwachstellen verstärkt. Die auf 7,45 Meter gesunkene Prognose brachte Erleichterung, löste am 6. Juni beinahe Euphorie aus. Die Lage sei beherrschbar, Evakuierungen nicht geplant, hieß es. Nur einen Tag später waren manche Gesichter kaum wieder zu erkennen. Wähnte man sich bei 7,45 Meter sicher, drohten nun 8,10 Meter.

In Wittenberge wurde die Spundwand extrem verstärkt, auf der L 11 durch Breese entstand ein mächtiger Schutzwall, Hinzdorfer füllten Sandsäcke bis zur totalen Erschöpfung. Die Elbe wuchs so enorm, wie es Experten nicht für möglich hielten: Zwischen dem 7. Juni abends und dem 8. Juni stündlich fast um zehn Zentimeter. Keine Evakuierung, hieß es noch am Sonnabendvormittag, doch der Fluss stieg pausenlos weiter, übersprang erst die 7,34 Meter, kurz darauf den bisherigen Höchststand von 7,40 Meter aus dem Jahr 1888. Ein Ende war nicht in Sicht. Abends erklärte der Krisenstab die Wittenberger Altstadt und angrenzende Straßen zum Evakuierungsgebiet – eine reine Vorsichtsmaßnahme hieß es.


Ein Höchststand von 7,85 Meter


Mit 7,85 Meter erreichte der Fluss seinen Höchststand. In Wittenberge stand das Restaurant Kranhaus unter Wasser. Viel schlimmer traf es Breese: „Zehn Häuser mussten wir aufgeben“, sagte Ordnungsamtsleiter Gerald Neu. Äußerst kritisch war eine Situation am Elbdeich bei Quitzöbel. Nur mit Glück und mit Hilfe der Bundeswehr sowie Bereitschaftspolizei konnte eine größere Deichrutschung unter Kontrolle gebracht werden. Im Falle eines Deichbruchs wäre die gesamte Karthaneniederung bedroht gewesen.

Nach 2002 wurden erneut die Havelpolder geflutet, aber diese Maßnahme musste früher als erwartet abgebrochen werden. Ursache war der Deichbruch bei Fischbeck. Beide Ereignisse brachten Entlastung, aber der Elbpegel fiel zögerlich. Noch mehrere Tage ging das Kämpfen und Zittern am Rehwischdeich weiter.

Ministerpräsident Matthias Platzeck kam mehrmals in die Prignitz. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel besuchte in Wittenberge den Sandsackfüllplatz. Innenminister Dietmar Woidke ging wie 2002 und 2006 nach Breese, wo die Nerven blank lagen. Wieder sprach er mit den Betroffenen, wieder bekam er nasse Füße, wieder versprach er, dass der Deichbau Priorität haben soll. Und dieses Mal scheint sein Versprechen in Erfüllung zu gehen: Die letzten Signale deuten auf einen Baubeginnnoch in diesem Jahr hin.

Am 17. Juni hob der Landrat den Katastrophenfall auf, rund 22 Millionen Euro Schaden hat das Juni-Hochwasser verursacht, 13 Wohngrundstücke in Breese, Scharleuk und Bälow wurden überflutet. Die Abwehr erforderte einen nie dagewesenen Aufwand. In der Auswertung zog der Krisenstab mehrere Schlussfolgerungen. Diese sehen die Erstellung weiterer Überflutungsszenarien und die Beschaffung einer stabilen Hochwasserschutzwand für Wittenberge vor.


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