Stalking : Die Angst vor dem Peiniger

Stalking kann das Leben der Opfer unerträglich machen.
Stalking kann das Leben der Opfer unerträglich machen.

Beraterin gibt Tipps für Opfer von Nachstellungen – Bayern will das Gesetz zum Stalking verschärfen.

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19. März 2015, 12:00 Uhr

Die tödliche Messerattacke vom vergangenen Freitag in Frankfurt wirft Fragen nach dem Umgang mit dem Thema Stalking auf. Jeden Tag registriert die Brandenburger Polizei im Schnitt mehr als drei solcher Fälle – 2013 waren es insgesamt 1240.

Der englische Begriff „Stalking“ kommt aus dem Jägerjargon, bezeichnet das Heranpirschen an die Beute. Oft ist es der Ex-Partner, dessen Liebe in Psychoterror und Aggression umschlägt. Weil die Fälle zunehmen, gibt es seit 2007 einen Stalking-Paragrafen im Strafgesetzbuch. Idee dahinter: Die Behörden sollen früher gegen ständige Telefonanrufe und das Auflauern vorgehen können. In der Praxis bleibt das schwierig. „Wir müssen genau prüfen, ob wir es tatsächlich mit einer Nachstellung oder lediglich mit einer Beleidigung zu tun haben“, erklärt Dietmar Keck, Sprecher des Brandenburger Polizeipräsidiums.

Petra F. hat der „Stalking-Paragraf“ auf jeden Fall nicht geholfen. Die 36-Jährige starb am Freitag, nachdem ihr Ex-Freund sie in einem Frankfurter Möbelhaus, ihrer Arbeitsstelle, niedergestochen hatte. Und das, obwohl sie ihn Wochen zuvor wegen Stalkings angezeigt hatte. In sozialen Netzwerken, per SMS und am Telefon hatte er die Eisenhüttenstädterin massiv belästigt – stets unter Pseudonym.

Christina Sümmerer, Beraterin bei der Frankfurter Dependance der Opferhilfe Brandenburg, will den Mordfall nicht bewerten, und sie betont, dass jeder Übergriff anders verlaufe, sie also pauschal keine verbindlichen Tipps geben könne. Und doch gebe es einige „goldene Regeln“, die Stalking-Opfer beherzigen sollten.

Schritt eins ist demnach, dem Gegenüber einmal deutlich mitzuteilen, dass man keinerlei Kontakt wünsche. „Aber wirklich nur einmal“, mahnt die Expertin. Danach heiße es: Ignorieren, ignorieren, ignorieren. Alles andere wirke unglaubwürdig. Reagiere das Opfer auf den Stalker, denke der: „Aha, es funktioniert.“ Weiter gelte es, die Attacken zu dokumentieren, sich Zeugen zu suchen, das eigene Umfeld in die Abwehrstrategie einzubeziehen. „Es geht darum, zu verhindern, dass der Täter sich auf anderen Wegen Informationen über das Opfer beschafft. Außerdem ist psychische Unterstützung für die Betroffenen wichtig. Sie leiden oft unter Ängsten und Schlafstörungen“, erklärt Christina Sümmerer. Nächster Schritt in der Abwehrstrategie sei das „Unsichtbarmachen“ – die Mailbox nicht mehr mit der eigenen Stimme besprechen, dem Täter so weit möglich aus dem Weg gehen.

„Vor den Opfern liegt oft ein langer Weg. Es kann zwei Jahre dauern, bis die Belästigungen aufhören“, schätzt die Expertin ein. „Um das durchzustehen, auch den 100. Telefonanruf zu ignorieren, sollte man sich Hilfe holen“, rät Christina Sümmerer. Die Beratungen etwa der Opferhilfe Brandenburg seien kostenlos. Bei diesen Sitzungen sei dann zu überlegen, ob es besser ist, „einen Kanal offen zu lassen“, also die alte Telefonnummer zu behalten und dem Stalker so die Möglichkeit zu geben, Dampf abzulassen. „Je nach Tätertyp kann die Gefahr steigen, dass er auf einmal vor der Tür steht, wenn er das Opfer auf anderem Wege nicht erreicht“, begründet die Expertin diese ungewöhnlich anmutende Überlegung. „Hauptziel ist für viele Betroffene zunächst, eine Eskalation zu vermeiden.“

Mit Kritik am Stalking-Paragrafen hält sich Christina Sümmerer zurück. „Es ist gut, dass es ihn gibt. Aber die Hürden dafür, was eine Nachstellung ist, sind hoch“, sagt sie.

Das sieht auch der bayerische Justizminister so und hat deshalb eine Bundesratsinitiative zur Verschärfung des § 238 im Strafgesetzbuch gestartet. Winfried Bausback (CSU) will, dass die Behörden früher einschreiten können. Während Stalking derzeit erst bei einer „schwerwiegenden Beeinträchtigung der Lebensgestaltung“ des Opfers strafbar ist, solle künftig schon der bestraft werden, dessen Nachstellen „geeignet ist“, diese Beeinträchtigungen hervorzurufen.

Brandenburgs Justizministerium kritisiert den Vorstoß als „juristischen Aktionismus“. Ob eine Handlung „geeignet“ ist, sei leider „objektiv kaum zu fassen“.

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