Telemedizin : Diagnosen für kranke Seeleute

Aus der Ferne: Der leitende Oberarzt für das Rettungswesen, Jörg Beneker, und der Orthopäde Markus Gondert kommunizieren am Unfallkrankenhaus Berlin mit der Besatzung eines Seenotkreuzers.
Aus der Ferne: Der leitende Oberarzt für das Rettungswesen, Jörg Beneker, und der Orthopäde Markus Gondert kommunizieren am Unfallkrankenhaus Berlin mit der Besatzung eines Seenotkreuzers.

Am Unfallkrankenhaus wird die Telemedizin weiter ausgebaut / Davon profitieren Brandenburger Kliniken

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13. August 2015, 14:37 Uhr

Die Kommunikation mit dem Seenotkreuzer „Arkona“ verläuft äußerst holprig, obwohl sich das Schiff der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger nicht auf hoher See befindet – es ankert in Warnemünde. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) muss also mehrere Versuche starten, bis er den Patienten versteht. Dieser soll einen Notfall simulieren.

Der Orthopäde Markus Gondert dirigiert aus der Ferne am Laptop, wo eine Kamera zu platzieren ist, mit deren Hilfe der Mediziner in die Pupillen des vermeintlich kranken Maschinisten schauen kann. Ebenfalls überprüft er den Anschluss von Elektroden für das EKG. Verbunden sind die Besatzung des Seenotkreuzers und der Arzt des Unfallkrankenhauses (UKB) über ein spezielles Funknetz.

Mit dem neuartigen telemedizinischen System können sämtliche Notfall-Apparate an Bord von Berlin-Marzahn aus gesteuert werden. Gleichzeitig werden immer mehr Kapitäne und deren Offiziere zu Sanitätern ausgebildet. Zwar wurde ihnen im Rahmen ihres Nautikstudiums vermittelt, wie man Spritzen setzt, Kanülen legt oder Wunden näht, da mitten auf den Meeren eben kein Arzt verfügbar ist. Aber dieses Wissen wird in Lehrgängen am UKB aufgefrischt.

Noch befinde sich das Ende des vergangenen Jahres gestartete Projekt in der Anlaufphase, erklärt Gondert. 15 Telemedizin-Stationen wurden auf Schiffen bereits aufgebaut, künftig soll ein Netz von mehr als 150 Stationen entstehen. Neben viel Training gab es bereits sechs reale Einsätze. Fünf Mechaniker, die Offshore-Windanlagen aufbauen, wurden betreut. Zudem ein Seemann auf einem Frachtschiff, das gerade vor der Küste Venezuelas unterwegs war. „In einem Fall musste ein Patient auch ausgeflogen werden. Er hatte eitrige Entzündungen in beiden Augen“, berichtet Gondert.

Für Gröhe war die Demonstration trotz der kleinen Pannen zufriedenstellend, hat der Politiker doch mit Vehemenz das neue E-Health-Gesetz vorangetrieben, das 2016 in Kraft treten und die Digitalisierung des Gesundheitswesens beschleunigen soll. Ein Kernpunkt bildet dabei die Telemedizin.

Mittlerweile mit 15 Krankenhäusern in vier ostdeutschen Bundesländern ist das UKB-Institut für Radiologie und Neuroradiologie verbunden. Die Hälfte davon befindet sich in Brandenburg. Jährlich werden bereits 120  000 Expertisen für die verbundenen Kliniken geliefert, meist Diagnosen zu Computertomografien, die vor Ort gemacht wurden. Dabei können durch den Ausbau des schnellen Internets hochauflösende Bilder zwischen den Häusern hin- und hergeschickt werden. „Wir bieten das aber nicht an, um Patienten hierher zu lotsen“, betont Klinikchef Axel Ekkernkamp.

Telemedizin verstehe man als wichtige Dienstleistung für ländliche Krankenhäuser, in denen häufig erfahrene Radiologen fehlen. „Es ist auch kein Geschäft für uns, das Projekt läuft gerade kostendeckend“, sagt er. Auch Gröhe versucht Bedenken von Krankenhausbetreibern zu zerstreuen, die befürchten, künftig weiter abgehängt zu werden. „Es geht vor allem um eine intelligente Arbeitsteilung“, sagt der Politiker. Kleine Kliniken könnten von der Spitzenmedizin in den großen Städten profitieren, wenn sie Telemedizin nutzen. „Wir müssen aber noch Überzeugungsarbeit leisten, bis sich diese Kooperation durchsetzt“, meint Gröhe.

In Brandenburg gab es indes bereits mehrere telemedizinische Pilotprojekte. So betreute die Berliner Charité rund 1500 Herzkranke in Nordbrandenburg. Ihr Gesundheitszustand wurde dabei engmaschig beobachtet.

Dabei kann das Unfallkrankenhaus, das von den Berufsgenossenschaften finanziert wird, bei vielen Projekten ohnehin aus dem Vollen schöpfen. Dies wurde auf dem Ministerrundgang deutlich, als Gröhe mehrere Innovationen inspizierte. Man stehe nicht wie andere Häuser mit dem Rücken zur Wand, sagt Ekkernkamp. „Wenn wir Patienten etwas anbieten wollen, können wir es auch.“

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