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Reifröcke, Mieder, Fracks und Staatsroben: : Der Zwirn der feinen Herrschaften

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

In ihrem Atelier näht sie Mode aus vergangenen Epochen nach Original-Schnittmustern.

svz.de von
erstellt am 03.Feb.2015 | 10:54 Uhr

Reifröcke, Mieder, Fracks und Staatsroben: Anja Fengler hat ihre Leidenschaft für historische Kleidung zum Beruf gemacht. In ihrem Atelier näht sie Mode aus vergangenen Epochen nach Original-Schnittmustern. Schon wenn man Anja Fenglers Wohnung betritt, ist es wie eine kleine Zeitreise. Antike Möbel bilden die Einrichtung. Die meisten hat sie noch von ihren Großeltern geerbt. An der Wand hängen alte Fotografien ihrer Vorfahren.

Die einzigen modernen Möbelstücke sind die Billy-Regale im Atelierzimmer. In ihnen stapeln sich fein säuberlich gefaltet Stoffe bis unter die Zimmerdecke. Hier näht die gelernte Modedesignerin Gewänder nach historischem Vorbild. Möglichst dicht am Original zu bleiben, ist ihr dabei sehr wichtig. Das ist manchmal eine Herausforderung: Reißverschlüsse, schrille Farben und elastische Stoffe hat es zu Zeiten Friedrichs des Großen noch nicht gegeben. Deshalb ist die Schneiderin immer auf der Suche nach passenden Stoffen.

Oft wird sie bei Gardinen- und Möbelbezugsstoffen fündig. „Dort sind noch die alten Muster zu finden“, erklärt sie. Die bisher aufwendigste Arbeit war eine Staatsrobe nach einem Gemälde aus dem Neuen Palais in Potsdam. Rund 200 Arbeitsstunden waren nötig, das prächtige Kleid zu fertigen, zu dem neben einer Chemise (Unterhemd), Rock, Mieder, Spitzen- und Schmuckbesatz auch ein spezieller Reifrock gehört, der das enorme Gewicht des Stoffes tragen kann.

Ihre Lieblings-Stilepoche sei die Renaissance, erzählt die gebürtige Berlinerin. Die meisten Kleider, die sie nachnäht, stammen aber aus dem 18. Jahrhundert. Ein Grund dafür ist, dass die meisten Schlösser in der Region aus dieser Zeit stammen. Seit über 20 Jahren schneidert die 54-Jährige viel für die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG). Ihre Werke werden ausgestellt oder kommen bei Veranstaltungen wie der Schlössernacht in Sanssouci oder bei den Sonntagswerkstätten im Neuen Palais zum Einsatz.

Seit Neuestem bietet die SPSG auch „königliche Kindergeburtstage“ in einigen Schlössern in Berlin und Potsdam an, bei denen die Kleinen in die Rolle von Prinzen und Prinzessinnen schlüpfen können. Auch die Kostüme hierfür stammen aus Anja Fenglers Atelier. Ihr Interesse an der Geschichte beschränkt sich nicht nur auf die Mode, die schon immer ein Spiegel der Gesellschaft war. „Es geht auch gar nicht anders“, sagt die Fengler.

Je mehr man sich damit beschäftige, umso mehr wolle man über das Leben in vergangenen Zeiten wissen. Und so kann sie zu allem noch die passenden Geschichten erzählen: dass die Türen in den Schlössern nur wegen der ausladenden Röcke so breit waren, wie man anno dazumal seine Stimmung mittels Schönheitspflästerchen ausdrückte und dass bei Hofe auch Jungen in ihren ersten Lebensjahren Kleider trugen.

Mittlerweile hat die Modedesignerin aber auch wieder Lust bekommen, neuzeitlichere Kleider zu schneidern. Zusammen mit einem Kollegen entwirft sie feminine Businessmode, die der weiblichen Silhouette schmeichelt. Auch privat trägt Anja Fengler seit vielen Jahren ausschließlich Röcke. „Seitdem werde ich ganz anders behandelt. Vor allem die Männer sind viel höflicher“, sagt sie lächelnd.

Kleider machen Leute, da ist sich Anja Fengler sicher: „Wenn man selber mal in so ein Kleid geschlüpft ist, merkt man, dass man sich anders bewegt und sich anders fühlt.“ So habe einmal ein Paar an einer Werkstatt teilgenommen, das sich gerade nicht gut verstand. Nachdem die beiden sich umgezogen hatten und mit ins Schloss gegangen waren, seien sie wie verwandelt gewesen: „Er der pure Kavalier, sie die reizende Dame, wie ausgewechselt. Das war unglaublich, wie die sich verändert haben. Es waren die Kostüme, die Räume, eine andere Welt, in die sie geschlüpft sind. Das ist schon toll.“

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