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Vermisster Soldat : Der Tote aus „Henn’s Revenge“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Fast 70 Jahre nach dem Abschuss konnte das amerikanische Opfer identifiziert werden

svz.de von
erstellt am 05.Sep.2014 | 12:00 Uhr

Auch sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden noch immer vermisste Tote geborgen. Bei der Identifizierung eines amerikanischen Soldaten half die „Arbeitsgemeinschaft Fliegerschicksale“ aus Oranienburg.

„Unser Junge starb bei den Kämpfen um Berlin in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Er gab sein Leben für den Sieg über Hitler.“ So oder ähnlich werden sich die Eltern von Gerald V. Atkinson jahrzehntelang an ihren Sohn erinnert haben. Mit Sicherheit sind sie stolz auf den damals 21-Jährigen gewesen. Auch wenn ihr Schmerz um so größer war, weil sie bis zu ihrem eigenen Tod nie erfahren sollten, wo genau ihr Sohn verschollen war. Erst seit wenigen Tagen liegt er neben ihnen im Familiengrab auf einem Friedhof in Florida.

Die Geschichte dieser Rückkehr ist lang. Sie begann am 10. April 1945, als mehr als 200 amerikanische B 17-Bomber während des Luftkampfes um Berlin einen Angriff auf zwei Ziele bei Oranienburg flogen. „Dort befanden sich ein Ausrüstungslager der Waffen-SS und eine Fabrik, in der noch immer Munition für den Krieg produziert wurde. Auch Häftlinge aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen mussten dort arbeiten“, berichtet Mario Schulze. Der 46-jährige Tischler aus Oranienburg ist Mitglied der „Arbeitsgemeinschaft Fliegerschicksale“, die seit gut 15 Jahren nach verschollenen Piloten und Besatzungsmitgliedern fahndet. Damals waren die Deutschen zum ersten Mal in Kontakt mit der US-amerikanischen Behörde JPAC gekommen, die noch immer nach vermissten Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg sucht.

Gerald V. Atkinson saß bei dem Einsatz 1945 in einer Maschine, die von ihrer neunköpfigen Besatzung „Henn’s Revenge“, also „Henns Revanche“ getauft worden war. „Henn war der Name eines Offiziers, der bei früheren Kämpfen ums Leben gekommen war“, erzählt Mario Schulze. Mit seinen Mitstreitern und den Amerikanern hat er die Geschichte des Flugzeugs aus vielen Puzzlestücken rekonstruiert.

„Kurz nachdem die Bomber ihre zerstörerische Last abgeworfen hatten, griffen deutsche Messerschmitt 262-Düsenjäger die Formation an“, so Schulze. Fünf amerikanische Maschinen wurden getroffen, auch die, in der Atkinson saß. Nur drei Männern der Crew gelang es, mit dem Fallschirm abzuspringen, bevor der Bomber bei Liebenwalde explodierte. Die Trümmer mit den an Bord verbliebenen sechs Männern stürzten in den Großen Glasowsee.

Von 1945 bis 1947 fanden Einheimische an dessen Ufer die sterblichen Überreste von insgesamt vier Fliegern. Sie wurden zunächst auf dem Friedhof im nahen Groß Schönebeck bestattet. Im August 1947 exhumierte dann ein Team des amerikanischen Militärsuchdienstes die Leichen, nachdem diese zuvor schon von Briten untersucht worden waren. Weil die Identifizierung zunächst nicht möglich war, wurden die vier Toten auf einen amerikanischen Soldatenfriedhof in Belgien übergeführt. Bei einer weiteren Untersuchung 1948 konnten jedoch drei der vier Toten eindeutig identifiziert werden. Nur bei dem Toten mit der Nummer X-6573 gelang dies nicht.

Zwischenzeitlich waren am Seeufer sowie in einem Feldgrab zwei weitere Vermisste der Besatzung gefunden worden. Der Tote aus dem Feldgrab hieß Carl Hammerlund und war einer der drei Männer, die aus dem Bomber abgesprungen waren. „Hammerlund wurde wahrscheinlich in Selbstjustiz von Deutschen getötet“, sagt Mario Schulze. Das gleiche Schicksal könnte einen weiteren Flieger namens Harold S. Smith ereilt haben, von dem jede Spur fehlt. Von dem Flugzeug-Kommandeur Robert I. Murray wird vermutet, dass sich dessen sterbliche Überreste bis heute im See befinden.

Zu dem einzigen Überlebenden des Bombers, Bordmechaniker Vito J. Brunale, hielt die Oranienburger Arbeitsgruppe bis zu dessen Tod im Jahr 2009 Kontakt. Auch Angehörige von Toten aus Australien, England und Belgien, bei deren Identifizierung die Gruppe half, waren den Deutschen sehr dankbar. „Dass ist die größte Belohnung für unsere Arbeit“, sagt Mario Schulze und räumt zugleich ein, „dass die detektivische Suche nach den Details auch einen Kitzel bereitet“.

Schon im Oktober erwartet die AG kanadische Experten zu einer ähnlichen Untersuchung.

Im Falle von Atkinson stellte die Witwe von dessen Zwillingsbruder vor vier Jahren einen Antrag an die amerikanischen Behörden, die Suche noch einmal aufzunehmen. „Der Historiker Derek Mallet nahm deshalb Kontakt mit uns auf, auch wurden mögliche Augenzeugen über die Medien gebeten, sich zu melden.“ Tatsächlich konnten sich einige ältere Bewohner noch an den Absturz erinnern. Den eigentlichen Aufschluss brachte jedoch eine DNA-Analyse, bei der der Tote X-6753 eindeutig als Gerald V. Atkinson identifiziert wurde.

Vor drei Wochen landete auf dem Flugplatz von Tallahassee, Florida, ein in die amerikanische Flagge gehüllter Sarg mit den Überresten des 21-Jährigen. „Mom and Dad, I am home“– „Mama und Papa, ich bin zu Hause“ steht auf einem der Fotos, die die Oranienburger von der Trauerfeier erhielten.

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