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Energienotstand : Der Stromkollaps droht

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Bernd Benser, Chef des Trainings- und Forschungszentrums Netzsicherheit, warnt vorm Energienotstand

Die Energiewende stellt ganz Deutschland vor enorme Herausforderungen und birgt angesichts fehlender Stromleitungsnetze die Gefahr von flächendeckenden Stromausfällen. Andreas Wendt sprach mit Dr. Bernd Benser, Geschäftsführer der Gridlab GmbH in Cottbus, über die Folgen eines möglichen „Blackout“.

Herr Benser, im Roman „Blackout“ lässt Autor Marc Elsberg durch Saboteure ganz Europa lahmlegen. Der Stromausfall löst eine Kettenreaktion aus. Wie realistisch ist das Szenario, das er in seinem Thriller heraufbeschwört?

Dr. Bernd Benser: Das ist sehr realistisch, bedauerlicherweise. Das Bewusstsein für die Gefahren einer solchen Situation ist leider nicht sonderlich ausgeprägt in Deutschland. Da mache ich mir persönlich auch Sorgen, wenn man weiß, was im Zuge eines solchen flächendeckenden Stromausfalls passieren kann – sechs Tage sind das Minimum, bis das Netz wieder aufgebaut ist.
Was kann denn passieren? Die Kommunikation ist nach 20 Minuten tot. Die Krankenhäuser sind, da die Wasserversorgung ja auch zusammenbricht, nicht mehr zu gebrauchen und die elektrische Versorgung der Kliniken bricht zusammen, weil Notstromaggregate nur für 48 Stunden reichen. Dauert aber ein Netzausfall sechs Tage und ich habe 200 000 geräteabhängige Patienten, überleben die nicht.
Ist das nicht Panikmache? Das ist eine trügerische Ruhe, der wir uns hingeben. Strom ist immer da und kommt aus der Steckdose. Wir sind mit Abstand das energieversorgungssicherste Land. Das hat aber dazu geführt, dass sich niemand damit beschäftigt, was passiert, wenn er nicht da ist.
Macht ein „Blackout“ an Staatsgrenzen halt?

Bei der Weser-Ems-Kanal-Überführung eines Luxusliners 2006 war der westliche Teil Europas mehr oder weniger dunkel. Osteuropa war hell. Warum? Weil noch zwei Regelzonen – Ost und West – bestanden, die sich voneinander trennen konnten und im Osten Deutschlands noch die Pumpspeicherkraftwerke leer waren. Sie konnten überschüssige Energie aufnehmen. Nur das hat Europa vor dem vollkommenen Blackout gerettet. Deutschland ist auf diesen Fall nach meinem Kenntnisstand nicht vorbereitet.
Ihr Labor Gridlab befasst sich mit der Instabilität des Netzes durch das Zusammenführen konventioneller und erneuerbarer Energien. Wie hoch ist das Risiko?

Eingriffe ins System sind nicht immer, aber oft Landungen auf dem Hudson-River, also der berühmte Pilot Mister Sullivan, der unter Missachtung aller Vorschriften erfolgreich auf dem Fluss gelandet ist.
Diese Eingriffe sind dann notwendig, wenn das Netz nicht stabil genug ist?

Genau. Wenn Sie beispielsweise zu viel oder zu wenig Strom im Netz haben. Wir haben eine sehr hohe Einspeisung durch erneuerbare Energien. Früher hatten wir eine programmierbare, definierte Last – wir wussten genau, wann werden früh im Büro Computer und Kaffeemaschine eingeschaltet, demzufolge wurde der Kraftwerkspark angepasst. Früher hatten wir Strom dann, wenn er gebraucht wurde. Heute haben wir auch Strom, wenn er nicht gebraucht wird, aber eben auch umgekehrt. Das macht es natürlich schwieriger im Handling, nicht nur im Bereich Übertragungsnetzbetreiber, sondern auch im Bereich der Verteilnetzbetreiber, die ja die Masse der Anschlusslast aus Wind- und Photovoltaikenergie insbesondere hier im Osten Deutschlands haben, weil wir ja hier 40 Prozent der Energie produzieren, aber nur 20 Prozent Last haben.
Es fehlen die berühmten Stromautobahnen...

Wir haben vier Verbindungen gen Westen. Wir bauen in den Jahren bis 2020 bis zu 60 Gigabyte an erneuerbaren Energien zusätzlich hin, aber nur zwölf Gigabyte Leitungskapazität. Man muss kein Mathegenie sein, um zu wissen, dass wir dann nicht nur wie zuletzt 262 Eingreiftage im Jahr, sondern mehrere Eingriffe am Tag haben. Das ist vergleichbar mit einem Tower, ob sie zehn oder 100 Flugbewegungen für eine Landebahn in der Stunde haben – dann wissen Sie, irgendwann wird’s krachen.
Ist das nicht ein Plädoyer für Lausitzer Kohle?

Nein. Auch Vattenfall ist ja sehr engagiert als Produzent erneuerbarer Energien. Das Problem ist ein anderes: Derzeit sind Gaskraftwerke nicht rentabel. Jetzt haben wir auch noch eine politische Lage, die das Gasgeschäft nicht gerade befördert. Atom ist auch weg. Was ist noch übrig? Kohle. Die haben wir noch bis 2050, im Ruhrgebiet wie in der Lausitz. Klar ist das wenig sexy, aber wir müssen auch klarstellen: Wollen wir Strom haben? Soll er sicher sein? Soll er aus der Steckdose kommen? Soll er preiswert sein? Das geht ohne Kohle nicht in dieser Form.
Wenn genügend Leitungskapazität vorhanden wäre, um erneuerbare Energien dahin zu transportieren, wo sie benötigt werden. Wäre Ihre Einschätzung dann anders?

Ein besser ausgebautes, vermaschtes System würde ein Großteil der Probleme lösen. Aber bekommen Sie das mal in der Bevölkerung durch. Wir haben Bürgerinitiativen gegen alles. Fakt ist: Ohne Leitungsausbau wird es keine erfolgreiche Energiewende geben.
Bieten Sie auch Lösungen für die Probleme an?

Nein, das machen wir nicht und das ist auch nicht unser Kernauftrag.

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