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Vorwurf : „Der Staat hat komplett versagt“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ein Anwalt äußert in einem Missbrauchsprozess deutliche Kritik. Ein Bundespolizist muss ins Gefängnis.

Ein Bundespolizist und Gewichthebertrainer muss wegen schweren sexuellen Missbrauchs für sieben Jahre ins Gefängnis. Scharfe Kritik gab es am Tag der Urteilsverkündung an der Arbeit seiner Kollegen im Ermittlungsverfahren. Auch ein Vorfall von 2007 wirft Fragen auf.

Am 26. Februar 2013 hatte eine Mutter Anzeige gegen Frank S. wegen Kindesmissbrauchs gestellt. Festgenommen wurde der 47-Jährige jedoch erst am 7. November. „Was ist in diesen Monaten passiert?“, fragt Rechtsanwalt Stephan Hoff Anfang der Woche vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) in seinem Schlussplädoyer. Was die Ermittler die ganze Zeit über getan haben, ist unklar. Fest steht, dass Frank S. in diesen Monaten weiter schwere Verbrechen beging und außerdem versuchte, Zeugen zu beeinflussen.

Die Versäumnisse der Behörden gipfelten nach Einschätzung von Hoff in einer Vernehmung des Angeklagten Ende Juni 2013. Sie hatten ihn in einem Trainingslager aufgesucht, in dem er mit den Kindern weilte. „Obwohl längst ein begründeter Verdacht vorlag, haben die Ermittler ihm nicht einmal einen Platzverweis erteilt, sondern Handy und PC beschlagnahmt und dann die Rückreise angetreten, Frank S. also bei den Kindern gelassen“, empört sich der Anwalt. Dessen nicht genug: Wenige Tage vor der Vernehmung hatte die Polizei eine sogenannte Gefährderansprache für S. verfasst. Darin wird ihm mitgeteilt, in welcher Sache gegen ihn ermittelt wird und dass er zusehen möge, nicht weiter auffällig zu werden. Es sei unverständlich, wieso die Beamten ihn nicht von den Kindern im Lager entfernt hätten.


Polizist schon wegen Kinderpornos verurteilt


„Der Staat hat komplett versagt“, lautet das Fazit des Anwalts auch mit Blick auf eine andere Merkwürdigkeit. So ist Frank S. 2007 wegen des Besitzes von Kinderpornografie zu elf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. „Wieso konnte er weiter als Bundespolizist arbeiten?“, fragt sich Anwalt Hoff. In seinen Augen hätte S. aus dem Dienst entfernt oder zumindest ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet werden müssen. Es geschah jedoch offenbar nichts. Eine Anfrage dieser Zeitung bei der Bundespolizei blieb aus Zeitgründen zunächst unbeantwortet.

Hätte im Übrigen der Sportverein USC Viadrina von seinem Trainer ein erweitertes Führungszeugnis verlangt, wäre zumindest ab 2007 vielen Kindern viel Leid erspart geblieben.

Wie groß die Probleme der inzwischen Jugendlichen mit den Übergriffen sind, verdeutlichten die Aussagen von zwei Müttern und einem Vater. So seien ihre Schützlinge ausgeglichene und aufgeschlossene Kinder gewesen, mit guten Noten in der Schule, bis Frank S. ins Spiel kam. So entwickelte ein Junge ab der 3. Klasse plötzlich eine Lese-Rechtschreibschwäche. Darüber hinaus kaue er sich seine Fingerkuppen „bis aufs Fleisch“ herunter, leide unter einem Waschzwang und sei nicht in der Lage, seine Eltern zu berühren.

Ein anderes Kind ist unter dem Eindruck des schweren Missbrauchs in der Schule zweimal sitzengeblieben. Außerdem attackiere es seinen eigenen Vater, sobald der das Thema Frank S. anspreche. „Wir haben uns immer gut verstanden, aber auf einmal schlug, trat und würgte mich mein Sohn.“ Besonderes Leid haben zwei Brüder erfahren, die von Frank S. dazu angestiftet wurden, gegenseitig an sich sexuelle Handlungen vorzunehmen und diese zu filmen. „Der eine hasst jetzt den anderen. Die beiden können sich nicht anschauen“, sagt die Mutter. Kleiner Lichtblick: Mit Beginn der Hauptverhandlung und der Vorführung ihres Peinigers in Handschellen haben die Kinder nach Auskunft der Eltern wieder begonnen, sich etwas zu öffnen.

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