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Brieftauben: : Der Marcelinho der Lüfte

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Mittlerweile fliegen die Tiere quer durch Europa.

svz.de von
erstellt am 23.Mai.2015 | 17:33 Uhr

Sein kleines Reich ist gut abgeschirmt. Niemand stört Eberhard Henkel im hinteren Teil seines Grundstücks, wenn er dort in einem bequemen Gartenstuhl auf dem akkurat gemähten Rasen sitzt – mit Blick auf den Taubenschlag und Musik aus dem Kofferradio. „Wenn ich hier die Tür zumache, dann kann ich sofort abschalten“, sagt der 66-jährige Fürstenwalder.

Unzählige Male hat er nervös auf diesem Stuhl gesessen, in den Himmel geblickt, mit dem Finger die Windrichtung überprüft und gewartet, bis er den Flügelschlag hört oder ein feines Gurren. Dann weiß Henkel, dass seine Tauben zurückgekehrt sind – meist nach einem Rennen über 800 bis 1000 Kilometer. Einige seiner 100 Vögel haben die schönen Ecken in Europa häufiger gesehen als ihr Züchter.

Schon mit 14 Jahren wurden ihm ein paar junge Tiere geschenkt, damals waren Brieftauben etwas Besonderes. Bei der Polizei musste der Jugendliche eine Sondergenehmigung beantragen, die ihn zur Haltung befähigte. „Die wussten ja nie, wer etwas an den Klassenfeind schicken wollte“, sagt er und lacht. Dabei ging es ihm nie um republikfeindliche Handlungen, sondern nur um eines – den Sport.

Für Brieftaubenzüchter zählt letztlich nicht nur, dass ihre Vögel ein schönes Gefieder und eine kräftige Statur haben, sondern vor allem, wie schnell sie unterwegs sind. Henkels Schützlinge wurden auf die Marathondistanz trainiert, sie starteten auch schon im Rahmen der Olympischen Spiele in London 2012. Wenn es gut läuft, schaffen sie diese Strecken quer über den Kontinent in zehn bis elf Stunden.

Dabei läuft ein Wettbewerb folgendermaßen ab: Die Tauben werden von einem Kraftfahrer bei den Züchtern in Deutschland und Polen eingesammelt und in Transportboxen zum Startpunkt irgendwo in Westeuropa gefahren. Wenn die Flugbedingungen für alle günstig sind, kein starker Regen vorausgesagt wird, starten Hunderte Vögel gruppenweise. Die Abflugzeiten erfasst ein Computer – indem Chips in den Identifikations-Ringen ein Signal senden. Auch die Ankunft wird sekundengenau auf die gleiche Weise erfasst. „Dort oben über eine Funkantenne“, erklärt Henkel und deutet auf das Dach.

Verlassen konnte sich der ehemalige Obermeister der Fleischerinnung und heutige Vorsitzende des Brieftauben-Weitstreckenverbandes Nord/Ostdeutschland immer auf seine Vögel. Die Verluste sind gering. „Die kennen dann nur einen Weg: schnurgerade nach Hause“, sagt der Rentner. Gefahren drohen ihnen durch Unwetter oder Raubvögel. Wenn eine Taube doch mal die Orientierung verliert, gegen ein Hindernis rast und verletzt zu Boden stürzt, warten Fuchs und Marder unten am Boden.

Damit eben wenig Unvorhergesehenes passiert, müssen die Vögel viel trainieren. Zweimal täglich fliegen sie in der Saison, dazu erhalten sie Futter mit viel Kohlenhydraten und Fetten. Mittlerweile seien auch verschiedene Spezies gezüchtet worden, erklärt Henkel. „Kurzstreckentauben haben Muskelpakete wie 100-Meter-Sprinter, meine dagegen einen grazilen Körper wie ein Langstreckenläufer aus Äthiopien.“

Überhaupt sind die „Rennpferde des kleinen Mannes“, wie Brieftauben einst getauft wurden, auf Leistung getrimmt. Die besten im Stall von Eberhard Henkel erhalten auch Namen: Marcelinho heißt eine Taube, die in jenem Jahr aus dem Ei geschlüpft ist, als der frühere Fußballspieler von Hertha BSC seine beste Bundesligasaison spielte. Der gefiederte Marcelinho wurde einmal zu den Top Drei deutschlandweit gekürt. Auch Erna und Eddy zählten schon zu den Schnellsten. Vom Glück mancher Züchter in Belgien, wo 2013 eine Super-Brieftaube für 310  000 Euro an einen Chinesen verkauft wurde, ist Henkel weit entfernt.

Ja, in Südafrika habe er auch schon an renommierten Ausstellungen teilgenommen, aber ein Angebot aus Asien oder aus dem Nahen Osten hat ihn noch nicht ereilt. Dort gilt es derzeit in reichen Kreisen als schick, Brieftauben zu halten. „Wir ostdeutschen und osteuropäischen Sportfreunde sind nicht so bekannt wie unsere Kollegen im Ruhrgebiet, in Belgien oder in den Niederlanden“, erklärt er. Dennoch feilt Henkels Verband daran, eigene Wettbewerbe möglichst gut zu vermarkten. Denn am Klassiker des Taubensports, der in Barcelona startet, können seine Tauben nicht teilnehmen. „Das wären 1400 bis 1600 Kilometer. Das schaffen unsere Tiere nicht.“

Vorerst bemühen sich die hiesigen Züchter, die eigenen Reihen aufzufrischen. Es gibt immense Nachwuchsprobleme: 110  000 Mitglieder hatte der Bundesverband noch 1960, 40  000 sind es heute. Die Jugendlichen winken lieber ab. Außerdem gilt es, den Ruf der Tauben zu reparieren, die in vielen Städten als Schädlinge gelten. Auch die Auflagen der Behörden können kaum noch erfüllt werden. Beschwerden von Nachbarn häufen sich. Doch Henkel glaubt an die Zukunft seines Hobbys. Im Scherz sagt er: „Irgendwann wollen die Leute vielleicht mal eine Nachricht schicken, die nicht überwacht wird. Was bietet sich an? Tauben!“

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