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Der langsame Tod der Bahnhöfe

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Ein 63 Jahre alter Potsdamer prangert in einem Buch den Verfall der märkischen Infrastruktur an / Gegenbeispiel gibt es in der Prignitz

svz.de von
erstellt am 29.Okt.2014 | 12:00 Uhr

Beinahe genau vor 176 Jahren fuhr die erste Eisenbahn zwischen Berlin und Potsdam. Für Klaus-Dieter Zentgraf und Gleichgesinnte bietet der 29. Oktober deshalb alljährlich die Gelegenheit, den „Tag des Bahnhofs“ und damit ein Stück Kulturgeschichte zu zelebrieren. Allerdings ist es für die Bahnfreunde eher eine Art Totenfeier. „Friedhof der 1000 Bahnhöfe“ ist das in schwarz-weiß gehaltene Buch von Zentgraf überschrieben.

„Erster kulturpolitischer Bericht 2014“ lautet der Untertitel. Fortsetzung folgt. Zentgraf erzählt, dass in Brandenburg ab 1838 insgesamt rund 2000 Bahnhöfe entstanden, von denen nunmehr noch 342 angefahren werden, ganze 40 über ein zugängliches Bahnhofsgebäude und lediglich sieben über ein Reisezentrum verfügen. Der Großteil der sogenannten Bahnhöfe bestehe aus nicht mehr als einem Bahnsteig mit Bank und Dach.

Für den bei Potsdam lebenden Buchautoren kommt der Befund einer kulturellen Bankrotterklärung gleich. Mobilität, Reiselust, Reisekultur – das sind Begriffe, die für den 63-Jährigen zusammengehören, die den Menschen und gesellschaftliches Miteinander prägen, aber als Ergebnis einer verfehlten Verkehrspolitik kaum mehr eine Rolle spielen.

Zentgraf liebt in dem Zusammenhang das Bonmot eines märkischen Bürgermeisters, der sich mit Blick auf die Ausstattung des örtlichen Bahnhofs von einer Zeitung mit den Worten zitieren ließ: „Früher gab es Verladerampen für Vieh, heute für Menschen.“ Eine zu bittere, überzogene Diagnose? Billige Polemik? Zentgraf hat für sein Buch jeden märkischen Bahnhof besucht, fotografiert und in Sachen Service unter die Lupe genommen. Die Lektüre macht deutlich: Man hat sich an viele Missstände gewöhnt, beklagt sich kaum mehr über die Tristesse, aber der Wucht jener 500 Fotos in dem Buch, den vernagelten Backsteinhäusern, gespenstischen Tunneln und geschmacklos gestalteten Wartehäuschen, kann man sich kaum entziehen.

Genau das will der Autor erreichen, eine Debatte darüber anstoßen, ob das, was die Bahn bietet, den menschlichen Bedürfnissen entspricht. „Es geht mir darum, hinter die Dinge zu schauen, zu erfragen, wie es zu der jetzigen Entwicklung kommen konnte, ob man mit dem Ergebnis zufrieden sein kann.“ Nur, es will fast niemand mit Zentgraf reden. Er hat Briefe mit seinen Fragen an Landtags- und Bundestagsfraktionen geschrieben, an Bahnverantwortliche aus der Region und an Vorstandschef Rüdiger Grube. Keine Antwort.

Zentgraf, studierter Staatsrechtler, EDV-Spezialist und passionierter Heimatforscher, ist seit einer Gehirnblutung teilweise gelähmt. Als Schwerbehinderter ist er auf die Bahn angewiesen und hat so gelernt, genauer hinzusehen. Sein Hauptvorwurf: „Es gibt in allen Bereichen zu wenig Service.“ Die Menschen hätten Wünsche an einen Bahnhof, auf die aber niemand eingehe. „Ticketverkauf, Toilette, Informationen, menschlicher Kontakt“, nennt Zentgraf als Bedürfnisse. „Es geht um Daseinsvorsorge für Steuerzahler.“

Das Argument, es würden so wenig Leute Zug fahren, das rechne sich alles nicht, weist er zurück. So würden viele Menschen die Bahn nicht nutzen, weil eben der Service schlecht ist. Außerdem sei Bahnverkehr ohnehin auf alle Zeit ein Zuschussgeschäft für den Staat. Nur habe man in Deutschland die in seinen Augen falschen Schwerpunkte bei der Finanzierung gesetzt. „Das Herz der Bahn muss im Regionalverkehr schlagen, die mittelgroßen Städte müssen im Fokus stehen. Stattdessen rast der ICE mit Tempo 246 durch Rathenow. Das finde ich nicht richtig.“

Eine Streitschrift soll sein Buch sein, sagt Zentgraf. Er hofft, dass sich nicht alle Menschen mit dem Status quo abgefunden haben, dass es noch nicht zu spät ist, das Kulturgut Bahnhof zu bewahren.

Dass es Erfolgsgeschichten geben kann, beweist Bad Wilsnack. Der dortige Bahnhof wurden nach Jahren des Leerstands saniert und öffnet in wenigen Tagen mit einem touristischen Konzept.

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