Behörden kontrollieren kaum : Der Kollaps im Windpark

Das Gutachten zum umgestürzten Windrad hat eventuell Folgen für andere Anlage.
Das Gutachten zum umgestürzten Windrad hat eventuell Folgen für andere Anlage.

Nach dem Einsturz eines Windrads in Südbrandenburg rätseln Experten über mögliche Ursachen. Dabei stellen Sachverständige in acht Prozent ihrer Inspektionen Mängel an den Anlagen fest. Die Behörden wiederum kontrollieren nur selten.

svz.de von
22. Dezember 2014, 07:57 Uhr

Als Jürgen Holzmüller in Koßdorf (Elbe-Elster) eintraf, bot sich ihm ein kleines Trümmerfeld. Eine 70 Meter hohe Windkraftanlage war in der Mitte durchgebrochen und umgestürzt. 90 Tonnen Schrott lagen verstreut auf einem Acker. Dabei sind die Untersuchungen des Ingenieurs zur Ursache der Havarie längst nicht abgeschlossen – es geht um einen hohen Schaden.

Der 54-Jährige will keine Wasserstandsmeldung abgeben, klar ist nur, dass sein Gutachten möglicherweise Folgen für andere baugleiche Anlage hat. Sollte ein Konstruktionsfehler nachgewiesen werden, sind Tausende weitere Windräder betroffen. „So ein Fall passiert sehr selten“, sagt Holzmüller. In den vergangenen 20 Jahren seien fünf Windräder umgestürzt – 23  000 stehen insgesamt in Deutschland.

Wer eine Statistik zu Havarien sucht, wird bei Behörden, Versicherungen oder dem Branchenverband nicht fündig. Holzmüller und seine Kollegen vom Gutachterbüro 8P2, das sich auf erneuerbare Energien spezialisiert hat, führen jedoch eine eigene Erhebung. In acht Prozent von insgesamt 16  000 Prüfungen wurden kleinere Mängel festgestellt, in knapp einem Prozent gravierende Probleme.

Zwischenfälle mit Windrädern kommen auch in Brandenburg hin und wieder vor. So hatte im Dezember 2013 ein Rad bei Lübbenau seine Flügelspitze verloren. Vor rund vier Jahren brach ein Rotorblatt an einer Anlage bei Frankenfelde (Märkisch-Oderland) auseinander. Und im März 2012 brannte eine Anlage bei Basedow (Uckermark) aus.

Für Windkraftgegner ist der jüngste Vorfall ein Beleg, dass die Technik nicht ausreichend erprobt ist. „Das Problem ist, dass Windräder in Brandenburg viel zu dicht an Siedlungen oder Straßen gebaut werden. Es gibt keinen Mindestabstand“, sagt Thomas Jacobi, Sprecher der Volksinitiative „Rettet Brandenburg“. Das Gefährdungspotenzial durch Windkraftanlagen sei äußerst gering, entgegnet Gutachter Holzmüller. Ähnlich äußert sich der Bundesverband Windenergie. „Es gelten wie für alle Bauten hohe Sicherheitsbestimmungen“, sagt Sprecher Lars Felser.

Oft ist nach den Erfahrungen von Holzmüller Materialermüdung eine Ursache für Havarien. „Das kommt daher, weil sich die Rotoren fast ständig drehen und hoher Belastung ausgesetzt sind“, erklärt er. Doch bei der Konstruktion der Türme werden extreme Kräfte getestet, bevor der jeweilige Typ zugelassen wird. Windräder müssen Orkane unbeschadet überstehen. Doch als das 15 Jahre alte Windrad in Koßdorf auseinanderbrach, blies gar kein Sturm. Warum sich die Schraubverbindungen zweier Mastteile lösten, ist nach wie vor unklar.

Der Betreiber, ein Unternehmer aus dem bayrischen Regensburg, erhofft sich schnelle Aufklärung: Der Verlust sei immens, sagt Markus Kellner. „Vielleicht gibt es auch gar keine klare Ursache“, meint er. 40  000 Euro Ertrag bringt das Windrad nach seinen Aussagen jährlich. Die hohe sechsstellige Summe für die Gesamtinvestition ist jedoch kaum abbezahlt. Kellner versichert, dass die Anlagen im Windpark Koßdorf regelmäßig gewartet wurden. „Das macht man allein aus Eigeninteresse. Wie bei einem Auto will man durch Reparaturen doch erreichen, dass man das Windrad lange nutzen kann.“

Nach Richtlinien des Branchenverbandes sollten die Anlagen zweimal jährlich von Spezialisten inspiziert werden. Eine umfassende Überprüfung ist alle zwei bis vier Jahre vorgesehen. Dabei würden sämtliche Bauteile sowie die Standfestigkeit untersucht, erklärt Felser. Doch eine genaue Dokumentation ist erst mit der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) ab 2016 vorgeschrieben. Dann soll ein zentrales Anlagenregister geführt werden. Das Landesumweltamt verweist darauf, dass eine eigene Erfassung der Störfälle nicht zu leisten ist. Dort beschäftigt man sich vor allem mit der Genehmigung neuer Anlagen.

Allerdings werden Windräder von Behörden danach kaum überwacht – sie setzen auf Eigenverantwortung der Betreiber. „Viele Bauämter der Landkreise fragen die Berichte gar nicht ab“, sagt Gutachter Holzmüller. Wenn jedoch eine Inspektion erfolgt, geht er gründlich vor. Alle größeren Bauteile werden dafür untersucht. Oft muss sich der Sachverständige dafür aus der Gondel abseilen. „Höhenangst dürfen wir nicht haben.“

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