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DDR-Geschichte : Dem Himmel so fern

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Drachenflieger werden in der DDR lange Zeit kriminalisiert. Erst im Herbst 1989 hebt die Staatsführung das Verbot für den Sport auf.

svz.de von
erstellt am 08.Okt.2014 | 12:00 Uhr

Es ist die Faszination fürs Fliegen, die Karl-Heinz Heptner in große Gefahr bringt. Nicht, dass er mit seinen selbst gebauten Fluggeräten jemals abstürzt oder in schwere Turbulenzen gerät, aber sein Hobby lässt ihn zum Ziel aufwendiger Geheimdienst-Operationen werden. Unter dem Decknamen „Antje“ überwachen Mitarbeiter der Staatssicherheit sein Leben auf Schritt und Tritt.

Als selbstständiger Werkstattbetreiber und Erbe eines kleinen Familienvermögens passt er ohnehin nicht ins Schema des Arbeiter- und Bauernstaates. Doch spätestens als die Stasi Mitte der 1980er-Jahre von ihren Zuträgern erfährt, dass der Maschinenbauingenieur im tschechischen Raná (Rannay) sogar das Fliegen mit Motordrachen trainiert, gilt er als möglicher „Republikflüchtiger“. Die staatlichen Organe setzen daraufhin alles daran, um ihn und seine Familie zu drangsalieren.

Nach mehreren Verhaftungen und Verhören fühlt sich Heptner immer mehr in die Enge getrieben. Zumal er sich von Stasi-Offizieren auch nicht zum IM erpressen lässt. Deren Drohungen sind unmissverständlich: Ohne Kooperation werde sich „für ihn in der DDR kein Rad mehr drehen“. Kurz vor Weihnachten im Jahr 1986 beschließt Heptner, nach West-Berlin zu fliehen.

Auf einem Feld in der Nähe von Potsdam startet er den Drachen mitten in der Nacht, bei eisigem Wind und Schneefall, 20 000 DDR-Mark sowie eine Kamera im Gepäck. Er fliegt entlang des Eisenbahnringes gen Norden, doch die sich verschlechternde Sicht machen eine erfolgreiche Flucht unmöglich. Bei Nauen im Havelland wird er schließlich zur Landung gezwungen.

An der heutigen Bundesstraße 5, der damaligen Transitstrecke, kann er noch ein Auto stoppen und dem Fahrer aus West-Berlin seine Kamera übergeben. Heptner hofft, dass sein Fall auf der anderen Seite der Mauer eine Öffentlichkeit findet. Als er den Bahnhof in Elstal erreicht, wird er von der Volkspolizei verhaftet. Tagelange Verhöre im Potsdamer Stasi-Gefängnis folgen. Er muss seinen Motordrachen aufbauen und soll sein technisches Wissen preisgeben. Doch der Hobbypilot lässt sich nicht verbiegen. Erst nach neun Monaten Haft kommt Heptner im Rahmen der „Jubelamnestie“ für politische Häftlinge frei. Danach wird er mit seiner Familie in die Bundesrepublik abgeschoben – unter der Voraussetzung, über die Fliegerei zu schweigen.

Es sind weniger Fluchtgeschichten, die der Potsdamer Claus Gerhard in seinem Buch „Der begrenzte Himmel“ zusammengetragen hat, sondern vor allem Porträts von Drachenfliegern, die sich in der DDR dem Verbot des sogenannten Hängegleitersports auf kreative Weise widersetzen. Und sich auch nicht davor scheuen, Konflikte mit dem Staatsapparat zu provozieren – wie der Eichwalder Siegfried Stolle, der sich mehrfach in Briefen direkt bei Stasi-Chef Erich Mielke, beim Zentralkomitee der SED sowie bei der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) beschwert. „800 Seiten umfasst seine Akte“, sagt Gerhard.

Dabei war Gerhard, gebürtiger West-Berliner, selbst von keinen Beschränkungen betroffen. In der Bundesrepublik boomt damals das Drachenfliegen, nicht zuletzt durch gefeierte Rekorde von Flugsportlern in den Alpen. „Aber vor unserer Haustür gab es nur wenig Möglichkeiten, vom Teufelsberg einmal abgesehen“, sagt der 67-jährige Sportmediziner. Erst nach dem Fall der Mauer entstehen im Umland neue Startplätze, auf denen Ultraleichtsegler per Winde in die Luft befördert werden. Und dort kommt der Kontakt zu DDR-Piloten zustande. „Sie erzählten unglaubliche Geschichten. Für mich war klar, dass man die für die Nachwelt aufschreiben muss“, meint Gerhard. Sechs Jahre Arbeit investiert er in das Buch, recherchiert in Archiven und befragt Zeitzeugen. Vor drei Jahren wird das Werk veröffentlicht.

Die Flugkünstler stehen schon immer im Visier von Polizei und Staatssicherheit, aber erst mit dem Verbot im Jahre 1980 seien sie systematisch verfolgt worden, berichtet Gerhard. Jeder Hobbypilot wird als potenzieller Republikflüchtling eingestuft. Immer wieder werden die vermeintlich „gefährlichen Gegenstände“ bei Kontrollen beschlagnahmt; der Verkauf notwendiger Materialien reglementiert. Die für das Gerüst notwendigen Aluminiumrohre können sich die Konstrukteure dennoch auf abenteuerlichen Wegen beschaffen. „Es gab sogar einen Busfahrer, der die Haltestangen aus stillgelegten Omnibussen demontiert hat“, erzählt Gerhard. Zwei andere Piloten, die 1986 von einem Hochhausdach in Ost-Berlin nach Kreuzberg im Westteil der Stadt segeln wollen, zersägen gar einen Teil der Kulissen in der Komischen Oper, um an die Rohre zu gelangen. Segel werden zudem aus Anorak-Stoff genäht, bis die Stasi versucht, auch diese Quelle zu kappen.

„Was dort zusammengebaut wurde, war absolut abenteuerlich. Aber es gab nur sehr wenige Unfälle“, sagt Gerhard. Auch der Vorsitzende des Deutschen Hängegleiterverbandes ist erstaunt über die Leistung: „Das war waghalsiges Ausprobieren“, sagt Charlie Jöst. Er bildete mehrere DDR-Piloten nach der Wende zu Fluglehrern aus.

Durch enge Kontakte zu Piloten in der damaligen Tschechoslowakei können sich Enthusiasten dort Fluggeräte ausleihen oder gar abkaufen. Zudem werden die Drachen in der Nähe der Startplätze in alten Gewerbehallen versteckt. Beliebtes Fluggebiet ist dabei der Berg Raná in Böhmen, für die DDR-Piloten mit dem Auto relativ schnell zu erreichen. Aber auch in Ungarn starten manche Flieger, um sich der Kontrolle durch die heimischen Behörden zu entziehen.

Freilich bleibt der Ansturm aus dem sozialistischen Bruderstaat nicht ohne Folgen. Bei einer Razzia durch die tschechoslowakische Polizei in Raná werden zahlreiche Drachen von DDR-Bürgern beschlagnahmt. „Entmutigen ließen sich die Piloten dadurch aber nicht“, so Gerhard. Auch die teilweise stundenlangen Kontrollen an der Grenze habe keinen Piloten dazu bewogen, sein Hobby aufzugeben. Auf kleineren Startplätzen gelingt es ihnen jedoch, sich unauffällig unter einheimische Sportler zu mischen.

Nach Auffassung des Buchautors bedeutete das strikte Verbot des Sports für die DDR ohnehin einen Imageverlust, da es zu jener Zeit kein anderes Land gibt, das ähnlich agiert. In der Tschechoslowakei, in Polen, Ungarn und der Sowjetunion sei der Sport sogar gefördert worden. „Erstaunlicherweise hatten diese Staaten keine Paranoia, dass die Bürger mit Fluggeräten über die Grenze ins westliche Ausland segeln“, sagt Gerhard. „Letztlich sind mehrere geglückte Fluchten von Piloten in den Westen dokumentiert.“

Da eine vollständige Überwachung kaum noch zu bewerkstelligen ist, kommt die SED zum dem Fazit, die „Hängegleiter-Verordnung“ zu revidieren. Eine von Stasi-Chef Mielke eingesetzte Arbeitsgruppe findet jedoch nur schwer einen Kompromiss. Erst im Herbst 1989 ist ein Beschluss unterschriftsreif: Unter dem Dach der GST soll der Sport erlaubt werden. Im März 1990 erfolgt der Auftakt der ersten freien Flugsaison.

Claus Gerhard, der mittlerweile selbst 1000 Flüge absolviert hat und mit einem Drachen schon bis Bremen gesegelt ist, trifft viele Piloten aus der DDR-Szene immer noch auf den Startplätzen in der Region. Nur bei Meisterschaften seien die Piloten nie erfolgreich gewesen. „Den Trainingsrückstand konnten sie nicht aufholen.“ Auch Heptner ist dem Hobby noch treu geblieben, berichtet der Buchautor. Mit Ultraleichtflugzeugen habe dieser die ganze Welt bereist.

 

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