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Das Revival der Sagenfiguren

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Sie heißen Hosenteufel, Roggenmuhme oder Graul und ängstigten vor Jahrhunderten die Bewohner des Oderlandes

Die gute Stube von Maria Mallé gleicht der des Weihnachtsmannes kurz vor Heiligabend. Kartons stapeln sich und wollen gepackt werden. „Es sind 500 Stück, ein Kraftakt und ohne fleißige Helfer nicht zu schaffen“, sagt Mallé, die nach einem Künstlerleben in Berlin jetzt im ländlichen Falkenhagen (Märkisch-Oderland) lebt. Die Schauspielerin und Sängerin, einst am Metropoltheater engagiert, ist in die teils vergessene Sagenwelt des Oderlandes eingetaucht und will sie wieder bekanntmachen.

Die 67-Jährige, die als Kind einst in dem Ort wohnte, brauchte nach ihrer Rückkehr eine Aufgabe. Der Falkenhagener Kultur- und Kunstverein entstand. „Wir haben kein Geld, nur eine gute Idee“. Mit diesem Slogan suchte sie nach Mitmachenden und fand schnell Partner und Sponsoren, darunter die Loscon Kulturstiftung für Ostbrandenburg, das Theater in Landsberg (Gorzow), die EU und den Falkenhagener Verein.

„Wir wollen den Landstrich interessant machen“, betont die quirlige Frau, die in Musicals wie „Kiss me Kate“, „Hallo Dolly“ und „Cabaret“ die Hauptrollen spielte. Fast 30 Jahre war sie am Metropoltheater in Berlin engagiert.

Nach dem unfreiwilligen Abschied – dem Ensemble wurde 1997 gekündigt – gründete sie zunächst eine eigene Theatergruppe, die Musikalische Komödie Berlin ohne festes Haus. Mallé zog in die Mark und ging weiter auf Tourneen. „Falkenhagen war so was wie ein bisschen Nachhausekommen“, berichtet die frisch gebackene Großmutter. Der Verein engagierte sich für die 700-Jahr-Feier 2013 im Ort und beim Festumzug mit 400 Mitwirkenden. „Danach musste ein neues Projekt her“, waren sich Mallé und ihre Mitstreiter einig. Sie suchten und fanden das „sagenhafte Oderland“.

Was bleibt, wenn man der Kindheit entflieht, eine Region verlässt? Mallé blickt neugierig durch ihre große Brille. Die Idee mit den Sagenfiguren entstand. Der Verein suchte mit Partnern beiderseits der Oder in Archiven und in der Literatur nach den längst vergessenen Figuren. Es sollen keine Fabelwesen wie etwa Feen sein, sondern Gestalten mit menschlichen Zügen. Die Spurensuche begann.

Ans Tageslicht kamen beispielsweise die Schlangenfrau aus Vietz (Witnica), der Graul aus Kriescht (Krzeszyce) und der Hosenteufel zu Frankfurt. Die Schauspielerin Christel Bodenstein, bekannt aus dem DEFA-Märchenfilm „Das singende, klingende Bäumchen“, gab den Figuren ein Gesicht, wie Mallé erzählt. Aus bunter Plasteline entstanden etwa 10 Zentimeter hohe Figuren. Die kleine Sagenwelt - je sechs Wesen aus Polen und sechs aus Brandenburg - wanderten durch Ausstellungen. Eine Homepage im Internet entstand. Es folgten ein Kalender und ein Spiel, beides zweisprachig. Der Verein entwickelte eine Art Memory-Spiel mit den Figuren in der historischen Landschaft. Auf einer alten Landkarte können in dem Spiel die Herkunftsorte der Figuren angesteuert werden. Dazu lesen die Spieler die jeweilige Geschichte vor und stellen die kleinen Kärtchen in dem Ort auf. Verpackt ist das Ganze in einem Karton, der einen Oderkahn darstellt. „Mit dem Spiel wollen wir Kindern eine Plattform geben, auch wieder zu lesen und nicht nur am Computer zu sitzen“, so Mallé.

Motive und Figuren von Sagen seien weit verbreitet, sagt Reinhard Schmook, Leiter des Oderlandmuseums Bad Freienwalde. „Wenn die Figuren mit einem Ort verbunden werden, sind sie identitätsstiftend.“ Sagen förderten auch Heimatbezug und Heimatliebe.

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