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die Tafel stirbt aus : Das Ende der Kreidezeit

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Schule ist kreidefrei. Dafür gibt es 24 sogenannte Smartboards.

svz.de von
erstellt am 25.Dez.2014 | 08:00 Uhr

Irgendetwas fehlt in diesem Klassenraum in Oranienburg. Die Schüler sind da. Der Lehrer ist da. Alle reden über Physik. Aber die grüne Tafel ist weg. Jahrzehntelang war sie der Inbegriff von Schule. Im Friedlieb-Ferdinand-Runge-Gymnasium gibt es keine einzige mehr. Die Schule ist kreidefrei. Dafür gibt es 24 sogenannte Smartboards.

Eines dieser digitalen Wunderkinder hängt hinter Physiklehrer Hardy Schötz. Mit einem kleinen Stift wird es bedient. Schötz kann mit ihm die Tafelbilder aus den vorigen Stunden anzeigen, Filme und Musik abspielen oder ins Internet gehen. Kurz gesagt: extrem vielseitigen Unterricht machen. „Der Punkt ist, es muss funktionieren“, sagt der Lehrer. Im Landkreis Oberhavel gibt es dafür ein Technikerteam. Es kümmert sich um die Ausstattung von mehreren Schulen: Laptops, PCs, Software und Smartboards – das Instrumentarium des elektronischen Lernens, des sogenannten E-Learning. Das wird in deutschen Schulen immer wichtiger. Man will Schritt halten mit der gesellschaftlichen Entwicklung, den „Lebensweltbezug“ zu den Schülern nicht verlieren, wie es im Pädagogendeutsch heißt. Dass die Technik funktioniert, ist dabei vielleicht der wesentlichste Punkt. Es gibt aber noch einen: Die Lehrer müssen mit den Geräten umgehen können. Experten sehen hier das viel größere Problem. Ohne Schulung kein digitaler Unterricht. Da hilft die beste Technik nicht.

Der Masterplan der Berliner Bildungsverwaltung zum E-Learning beginnt deshalb auch nicht mit einer Auflistung von PC-Ausstattung oder der Anzahl der Smartboards im Land. Der erste Punkt im Plan heißt: „Fortbildung“ – für die Pädagogen.

Zwischen 2005 und 2014 gab es beinahe 3000 Kurse in der Hauptstadt, in denen 32  106 Teilnehmer gezählt wurden. Umgerechnet heißt das, dass jeder Berliner Lehrer einmal bei einer solchen Schulung war. Manche sogar zweimal. 22  199 Lehrer gibt es in der Hauptstadt.

In Brandenburg existiert ein solcher Masterplan nicht. Stattdessen wird gerade ein „Rahmenplan Medienbildung“ für die Schüler erarbeitet. Bis Februar soll er fertig sein. Und genau regeln, was an Computer, Smartboard und Co. gelernt werden soll. „Die Erprobung beginnt ab dem Schuljahr 2015/2016“, heißt es aus dem Ministerium. Die Lehrerfortbildung läuft extra. Oft in Eigenverantwortung der Landkreise, die Schulträger in Brandenburg sind.

Im Runge-Gymnasium in Oranienburg gab es schon 2011 insgesamt drei Intensiv-Schulungen, in denen Lehrer lernten, wie man mit Smartboard und Lernsoftware besser umgeht. „Es war eine große Anstrengung“, sagt Hardy Schötz. Bis heute steht noch ein Übungs-Smartboard im Lehrerzimmer. „Früher haben manche Lehrer mit dem Edding ans Board gemalt. Das ging dann nicht mehr ab“, sagt Marcus, 16, Runge-Gymnasiast. Der Physik-Kurs lacht.

Solche Zustände sind längst nicht überall Vergangenheit. Am Berliner Gerhart-Hauptmann-Gymnasium gibt es trotz des Berliner Masterplans Lehrer, die nicht mit der neuen Technik arbeiten wollen. „Sie suchen sich extra einen Raum, in dem es noch Kreidetafeln gibt“, sagt ein Pädagoge. Karsten Wanzura vom Theodor-Fontane-Gymnasium in Strausberg gehört nicht zu solchen Lehrertypen. „Ich versuche, mich in Räume mit Smartboards einteilen zu lassen“, sagt der Junglehrer. Wie in den meisten Schulen wurden die Geräte in Strausberg nach und nach angeschafft. Der Grund: Die Technik ist teuer. Ein Smartboard kostet rund 4000 Euro. Tendenz aber fallend.

Wie viel Geld für die Ausstattung bisher ausgegeben wurde, können weder der Berliner Senat noch das Brandenburger Ministerium sagen. Es dürften hohe zweistellige Millionenbeträge sein. Allein in Brandenburg flossen zwölf Millionen Euro aus Fördermitteln in das Projekt E-Learning.­ Berlin leistete sich über 5000 Smartboards. In Brandenburg wird derzeit gezählt. Bis wann alle Schulen kreidefrei sein werden, weiß man sowohl in Berlin als auch in Brandenburg noch nicht genau.

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