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ZEIT FÜR PILZE : Bückware mit Stiel und Hut

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

In Brandenburgs Wäldern hat die Saison von Pfifferling, Steinpilz und Co. begonnen

svz.de von
erstellt am 04.Sep.2014 | 17:16 Uhr

Parkende Autos an Waldzufahrten und Straßenrändern sind ein untrügliches Zeichen: Die Pilzsaison hat begonnen. Derzeit finden die Brandenburger – und auch Berliner – in den Nadel- und Laubwäldern vor allem Pfifferlinge. „Noch ist nicht der ganz große Wurf zu erwarten, aber Sommersteinpilze und Rotfußröhrlinge sind auch schon vereinzelt zu finden“, sagt Wolfgang Bivour, Vorsitzender des Brandenburgischen Landesverbandes der Pilzsachverständigen. Bivour kennt alles, was sich mit Stiel und Hut unter Bäumen versteckt. Die Guten und die Schlechten. Die Klassiker und die Raritäten. Originale und Fälschungen. „Die Gelegenheitssammler sind fixiert auf Pfifferlinge, Steinpilze und Maronen“, sagt der Mann aus der Nähe von Potsdam.

Doch Brandenburgs Wälder haben weit mehr zu bieten – Täublinge, Perlpilze und Sandröhrlinge beispielsweise, die nicht jeder Sammler im ersten Moment zuordnen kann. Ein Blick ins Pilzbestimmungsbuch kann helfen, sicherer ist die Konsultation eines Beraters, von denen es in Brandenburg etwa 30 gibt.

Mittlerweile begegnen Bivour sogar Sammler, die ihre Funde mit einer App auf ihrem Smartphone identifizieren. Auch wenn es ordentliche Apps gebe, müsse sich der Pilzsucher ein bisschen mit Pilzen auskennen. Als Bivour vor zwei Jahren eine App testete, war das Ergebnis eine Katastrophe.

Unwissenheit schützt nicht vor Strafe. Das gilt sowohl für das Verhalten im Wald als auch für die Menge, die letztlich im Korb landet. Die wenigsten Pilzsammler wissen, dass Speisepilze nur zum eigenen Verbrauch mitgenommen werden dürfen und manche Exemplare gänzlich tabu sind. Als Richtwert gelten Bivour zufolge ein bis zwei Kilo pro Tag und Sammler. Wer mit seiner Ausbeute handeln will, benötige eine Sammelerlaubnis des Waldbesitzers und eine Gewerbegenehmigung.

Das alles erzählt Bivour ein bis zwei Mal pro Woche in Vorträgen und Exkursionen im Wald. Bei der Gelegenheit schickt er auch im Auftrag des Landesumweltamts Exemplare für die Strahlenmessung ein – eine Folge der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vor fast 30 Jahren. „Die Werte sind aber bedenkenlos“, beruhigt der Pilzsachverständige.

Gefahr droht also vor allem durch Vergiftung: Wer sich nicht zu 100 Prozent bei der Bestimmung eines Pilzes sicher sei, sagt Bivour, sollte einen Experten wie ihn aufsuchen. Doch auch sie muss man bald suchen wie die Krause Glucke im Wald. „Wir haben Nachwuchsprobleme, vor allem in Ostbrandenburg“, bedauert der Landesvorsitzende. In Wochenendkursen will der Verband Interessenten fit für die Beratung machen.

Dass die Leben retten kann, weiß Bivour nur zu gut: Kurz nach der Wende war er es, der Ärzte eines Potsdamer Klinikums auf die richtige Fährte brachte, nachdem eine dreiköpfige Familie mit Vergiftungserscheinungen eingeliefert, aber nur zur Beobachtung auf Station verblieb. Mann, Frau und Sohn hatten Pilze gegessen, die die Großeltern gesammelt hatten. „Die Frau überzeugte die Ärzte, dass es sich nur um eine Magenverstimmung und bei den Pilzen um Birkentäublinge handelte“, erinnert sich Bivour. Erst drei Tage später zogen die Ärzte den Pilzkenner hinzu, der erkannte: Alle drei hatten den Grünen Knollenblätterpilz gegessen. Für den Sohn kam diese Erkenntnis zu spät – er starb kurz darauf.








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