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„Heimatgrüße ins Feld“ : Briefwechsel mit Frontsoldaten

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Fürstenwalder Pfarrer rief 1914 Aktion „Heimatgrüße ins Feld“ ins Leben − 4000 Karten und Briefe blieben erhalten

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erstellt am 29.Dez.2015 | 20:24 Uhr

Vor 100 Jahren tobte der Erste Weltkrieg (1914–1918). Feldpost war die einzige Möglichkeit der Soldaten, mit ihrer Heimat in Kontakt zu bleiben. Im Kreisarchiv von Oder-Spree ist eine einzigartige Sammlung aufbewahrt.

Schicksale in Folie und Plastikbehältern: Rund 4000 Karten und Briefe, die Soldaten aus Fürstenwalde und Umgebung im Ersten Weltkrieg aus den Schützengräben Europas nach Hause geschickt haben, stecken in säurefreien Pergaminhüllen, damit sie nicht weiter verblassen. „Ich denke, dass sie hier so sicher sind, dass sie in 100 Jahren noch genauso aussehen“, sagt Marina Aurich, Leiterin des Kreisarchivs.

Zu verdanken ist die Sammlung dem Fürstenwalder Pfarrer Franz Kornrumpf (1861 – 1942), der im Dezember 1886 in sein Amt eingeführt wurde, das er bis 1933 bekleidete. Als junger Pfarrer gründete er die Sonntagsschule, die Durchführung eines Kindergottesdienstes, der auch mal bei Getränken und Kuchen in der Waldschänke stattfand. Wenige Monate nach Kriegsbeginn im Jahr 1914 tat sich Kornrumpfs Sonntagsschule mit dem hiesigen Zeitschriftenverein und dem Missionsnähverein zusammen, um eine gemeinsame Kriegskasse zu begründen.

Zweierlei war zu beschaffen: Erstens Wolle, aus denen Strümpfe für die Soldaten im Feld gestrickt wurden. Und zweitens: Christliche Blätter, um den Soldaten Trost und Hoffnung zu spenden. Die Aktion „Heimatgrüße ins Feld“ war geboren.
Ein straffer Arbeitsplan wurde erstellt und die Adressen von mehreren hundert Kriegsteilnehmern kamen auf Listen, die ständig erneuert werden mussten. Alle Sendungen ins Feld waren zu verpacken, das Porto musste bezahlt werden. Insgesamt sind in 51 Kriegsmonaten in den Jahren von 1916 bis 1918 trotz aller Not genau 3302,05 Mark für die Feldpost-Aktion zusammengekommen. Pfarrer Kornrumpf hat akribisch dazu Buch geführt.

Das Echo auf die „Briefe ins Feld“ ist überwältigend. Alle Karten und Briefe, die aus Frankreich, Polen, aus Russland oder den Balkanländern eintreffen, gehen durch die Hände des Pfarrers. Er macht sich Notizen, wie auf verschiedene Wünsche reagiert werden oder wie Verzweifelten Mut gespendet werden sollte. Viele Soldaten treibt die Not und Sorge um die Familie um, oft wird der Pastor gebeten, vermittelnd zu wirken, wenn lange keine Nachricht gekommen war.

Die Männer an der Front bitten den Pfarrer, ihren notleidenden Frauen bei der Gewährung von Kriegsbeihilfen zu unterstützen oder der Familie nichts von seiner Verwundung zu erzählen. Als sich die „Verluste“ häufen, hat er auch für amtliche Stellen einzuspringen und Todesnachrichten zu überbringen.

Fast alle Karten und Briefe an den Seelsorger beginnen oder enden mit einem Dankeschön für die Sendung. Die Soldaten brauchen vor allem Schreibpapier und Feldpostkarten, Streichhölzer und Kerzen. Im Winter werden vor allem warme Knie- und Pulswärmer, Hemden und Strümpfe, im Sommer „saure Bongse für den Durst“ benötigt. Wünsche nach Zigaretten und Tabak werden verschämter vorgetragen.

Aber ganz vorn steht die Sehnsucht nach Frieden. Soldat Pietschmann antwortet dem Pfarrer schon am 5. November 1914, sechs Monate nach Kriegsbeginn, mit folgenden Zeilen: „Besondere Wünsche hätten wir für jetzt nicht, außer dem einen großen, allgemeinen baldigen Frieden.“

In den folgenden Kriegsjahren nehmen Forderungen nach Friedensverhandlungen zu, aber auch kritische Äußerungen: Dass an den Sieg keiner mehr glaube und „dass mal die Kriegswucherer so eine Stunde im Trommelfeuer gelegen hätten.“ Nachrichten über Tod und Verwüstung, Massengräber, über schreckliche Verwundungen und Epidemien wie Fleckfieber oder den Malariaausbruch in Rumänien erreichen die Heimat.

Ruth Buder

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