Spuren des 2. Weltkriegs : Bombensuche auf dem Bildschirm

Zeitreise: Sven Mendel betrachtet durch die 3-D-Brille ein Luftbild von Gorgast (Märkisch-Oderland), das eine deutsche Flugzeugbesatzung in den letzten Kriegstagen aufgenommen hatte.
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Zeitreise: Sven Mendel betrachtet durch die 3-D-Brille ein Luftbild von Gorgast (Märkisch-Oderland), das eine deutsche Flugzeugbesatzung in den letzten Kriegstagen aufgenommen hatte.

Sven Mendel fliegt mit der Computermaus über zerstörte Landschaften. Auf dem Monitor ist der Ort Gorgast im Oderbruch zu erkennen. Die Aufnahme zeigt ausgehöhlte Häuser, die von Bomben getroffen wurden.

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01. März 2014, 08:09 Uhr

Sven Mendel fliegt mit der Computermaus über zerstörte Landschaften. Auf dem Monitor ist der Ort Gorgast im Oderbruch zu erkennen. Die Aufnahme zeigt ausgehöhlte Häuser, die von Bomben getroffen wurden, in der Mitte die Ruine der Kirche, an den Rändern mit Granatenkratern übersäte Äcker. Ein Panzer steht verlassen auf einem Grundstück. Das Bild wurde im April 1945 bei einem Aufklärungsflug der Wehrmacht aufgenommen.

Mendel blickt durch eine 3-D-Brille, um Gebäudestrukturen, Straßen und Wege, Schützengräben und Einschlagstellen der Geschosse besser erkennen zu können. Der Luftbildauswerter fahndet nach Blindgängern, die noch fast 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Boden liegen könnten. In Gorgast ist der Auftrag kompliziert: „Dort gab es flächendeckenden Artilleriebeschuss, man kann nur schwer die Punkte unterscheiden“, sagt er.

Zusammen mit zwei Kollegen liefert der Experte des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KMBD) den Bombenentschärfern wichtige Koordinaten. In zehn Prozent der Fälle wird vor Ort tatsächlich ein Blindgänger gefunden – eine Quote, die nichts über die Genauigkeit der Arbeit aussagt. Denn vielfach wurden die gefährlichen Hinterlassenschaften des Krieges schon zu DDR-Zeiten weggeräumt. Um Fehler im Kataster auszugleichen, nimmt Mendel im Außeneinsatz immer wieder Kontrollmessungen vor.

Mittlerweile kann der KMBD – eine Einrichtung der Polizei – auf ein Archiv von rund 25 000 Luftbildern zurückgreifen, die zwischen 1944 und 1945 von amerikanischen und britischen Flugzeugbesatzungen mit hochauflösenden Kameras aufgenommen wurden. Hinzu kommen Bilder der Wehrmacht entlang des Frontverlaufs im heutigen Brandenburg. Die Bilder überlappen sich meist zu 60 Prozent, jeder Punkt wurde doppelt aufgenommen. Damit wollten die militärischen Fotografen möglichen Fehlern vorbeugen. Mendel erhält dadurch mit einem speziellen optischen System dreidimensionale Bilder.

Brandenburg hatte die Aufnahmen in den vergangenen Jahren von einer Würzburger Firma erworben, die wiederum kaufte das Material der britischen und amerikanischen Luftwaffe ab, als diese ihre Geheimarchive öffneten. „Jedes Bild kostete 45 Euro“, erzählt Mendel. Das Land musste bislang also einen hohen sechsstelligen Betrag aufwenden, um die Suche auf diese Weise zu erleichtern. „Möglicherweise existieren noch andere Fotorollen, aber vielfach verlieren sich die Spuren“, sagt der 48-Jährige. Vor allem bombardierte Flächen in Oranienburg oder Brandenburg an der Havel seien gut dokumentiert, berichtet der Experte. Aus beiden Städten existieren allein 1000 Aufnahmen. Wie manche märkischen Städte nach dem Angriff alliierter Bomber aussahen, zeigt Mendel am Beispiel von Neuruppin, wo der Flugplatz unter Beschuss genommen wurde. Das Areal gleicht einer Mondlandschaft. Mendel deutet auf kleine schwarze Punkte. „Das waren Bomben, die nicht gezündet haben.“

In Neuruppin mussten zahlreiche Flächen vor dem Bau der Ortsumgehung und der Erschließung eines neuen Gewerbegebiets abgesucht werden. Denn in Gebieten, die als „kampfmittelbelastet“ gelten, wird erst danach eine Baugenehmigung erteilt. Für die Auswertung verlangt der KMBD zwischen 50 und 800 Euro Gebühren – je nach Arbeitsaufwand. Die Räumung finanziert das Land. „Abgeschlossen ist die Suche noch in keiner Kommune“, sagt Mendel, der früher als Fahrzeugingenieur gearbeitet hat.

An Arbeit wird es auch in den kommenden Jahren nicht mangeln: Laut Untersuchungen müsse davon ausgegangen werden, dass 15 Prozent der Bomben Blindgänger waren, erklärt er. Allein in Oranienburg werden noch 300 fehlgezündete Bomben vermutet. Jedes Jahr sammeln die 50 Bombenentschärfer der Polizei rund 600 Tonnen Metall ein, meist kleinere Geschosse, die im Wald oder auf Äckern entdeckt werden. Oft sei die Arbeit wenig aufregend, sagt Mendel. Dutzende Löcher würden rund um eine Verdachtstelle gebohrt, Sonden gelangen in den Boden, immer wieder wird sich dem Metall angenähert. „Kampfmittelsuche ist oft eine langweilige Sache.“

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