Schiffshebewerk nachgebaut: : Bohren wie beim Zahnarzt

Meisterwerk der Modellbaukunst: Dieter Masella und seine Kollegen bauten 20 Jahre lang an dem drei Meter langen und 1,20 Meter hohen Modell des Schiffshebewerkes Niederfinow.
Meisterwerk der Modellbaukunst: Dieter Masella und seine Kollegen bauten 20 Jahre lang an dem drei Meter langen und 1,20 Meter hohen Modell des Schiffshebewerkes Niederfinow.

Ab morgen können Museumsbesucher selbst den Schiffstrog in Bewegung setzen.

svz.de von
09. Dezember 2014, 11:00 Uhr

Ein wenig aufgeregt ist Dieter Masella schon. Schließlich haben er und seine Kollegen 20 Jahre lang an dem Modell getüftelt. Nun soll das Schiffshebewerk im Kreuzberger Technikmuseum zwischen alten Hochseeschleppern und Schleusentreppe die Arbeit aufnehmen. Ein Knopfdruck – und es schließen sich langsam Druck- und Haltungstore auf der unteren Kanalebene. „Normalerweise hat man dazwischen noch etwas Spaltwasser, aber wir machen das hier ja trocken“, sagt der 76-jährige Modellbauer lachend, als der Trog in zwei Minuten auf die obere Kanalebene fährt.

Das Original in Niederfinow bei Eberswalde braucht für die 36 Meter, die der Höhenunterschied zwischen Oder und Havel ausmacht, doppelt so lange. Als es 1934 nach siebenjähriger Bauzeit als größtes Schiffshebewerk der Welt für bis zu 1000 Tonnen schwere Frachter öffnete, übergaben die Erbauer dem damaligen Bau- und Verkehrsmuseum in Berlin ebenfalls ein Modell. Es überstand den Krieg, wurde aber danach von russischen Besatzern entdeckt und wahrscheinlich in das damalige Leningrad gebracht. Bis heute ist es verschollen.

Die Idee, ein neues Modell im gleichen Maßstab zu errichten, stammt von Siegfried Rudolph, der sich 1994 im hohen Alter von 80 Jahren ans Werk machte. Was der Feinmechanikermeister nicht wusste: Das verschwundene Vorbild wurde damals von einer großen Kölner Modellbau-Firma gefertigt und nicht in der Museums-Werkstatt. Es waren also noch viel mehr Akribie, Einfallsreichtum, Improvisationstalent, mathematisches Wissen und handwerkliches Können nötig, als es sich Rudolph hätte ausmalen können. Vor seinem Tod gab er den Staffelstab weiter.

Als Dieter Masella 2006 als dritter Mann den Baumeister-Posten übernahm, war er skeptisch. „Ich habe zu Hause erst einmal eine Machbarkeitsstudie für den Trog-Antrieb durchgeführt“, sagt der Modellbauer, der lange in Afrika als Minen-Techniker im Erzbergbau arbeitete. Der Modell-Trog von 1,76 Metern Länge, der an vier Säulen gleichzeitig nach oben sowie nach unten geführt wird, darf sich nicht verkanten. Er wiegt heute 350 Kilogramm. Die Gegengewichte beschwerte Masella mit Blei. Für die perfekte Mixtur des Schutzlacks, der nicht nur ein Rosten des Messings verhindern, sondern auch seine schöne goldene Farbe erhalten sollte, experimentierte er lange. Immer wieder fuhren der Tüftler und seine drei Kollegen nach Niederfinow, um Details des Jahrhundertbaus zu fotografieren.

Das Wasser- und Schifffahrtsamt Eberswalde stellte ihnen zudem die Originalpläne zur Verfügung. Die Größenunterschiede mussten für einzelne Bauteile umgerechnet werden. Für manchen Arbeitsschritt musste extra Werkzeug gebastelt werden. Dort, wo auf dem Original-Gerüst ein Mensch mit dem Nietenhammer arbeiten würde, mussten die Modellbauer Millimeter-Löcher für die Miniaturnieten schaffen. Masella funktionierte dafür einen alten Zahnarztbohrer vom Trödelmarkt um.

Herausgekommen ist ein Wunderwerk der Modellbautechnik, das Besucher des Museums morgen selbst per Knopfdruck bedienen können. Wann sein 80-jähriger Bruder in Niederfinow in den Ruhestand gehen kann, ist noch unklar. Der Neubau des Hebewerkes sollte ursprünglich 2014 in Betrieb gehen. Nach Bauverzögerungen wird es voraussichtlich nicht vor 2017 etwas mit der Ablöse. „Der Rohbau ist fertig, die Montage der Gegengewichtsanlage fast“, erklärt der zuständige Leiter des 300-Millionen-Euro-Projekts, Peter Huth. Einzelne Teile müssten noch angefertigt und geliefert werden. Schließlich bekomme man diese auch bei Europas größtem Schiff-Fahrstuhl nicht von der Stange.

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