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Es fehlen Dächer, Kreuze und Inschriften : Beutezüge in Gruften

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Ausgerechnet den einbalsamierten Schädel des Regisseurs haben die Täter gestohlen, was zu vielerlei Spekulationen führte. Seitdem ist der Kopf verschwunden. In diesem Jahr hat Ihlefeldt bereits fünf Diebstähle angezeigt.

svz.de von
erstellt am 29.Jul.2015 | 10:00 Uhr

Olaf Ihlefeldt musste in seiner Arbeit als Friedhofsverwalter viele Rückschläge verkraften, doch der jüngste Fall beschäftigt ihn schon seit zwei Wochen. Der Diebstahl von sterblichen Überresten des Horrorfilm-Pioniers Friedrich Wilhelm Murnau habe einen weltweiten Medienrummel ausgelöst, berichtet der 47-Jährige. Ausgerechnet den einbalsamierten Schädel des Regisseurs haben die Täter gestohlen, was zu vielerlei Spekulationen führte. Seitdem ist der Kopf verschwunden.

In diesem Jahr hat Ihlefeldt bereits fünf Diebstähle angezeigt. Mitunter wurden von Metalldieben schon komplette Kupferdächer von Mausoleen abgedeckt, unter anderem von der Grabstelle des Verlegers Gustav Langenscheidt. In anderen bedeutenden Grabstellen wurden Sarkophage aufgebrochen. Und von vielen Gräbern verschwinden bronzene Kreuze, Figuren sowie Inschriften. „Wir sind dem ausgeliefert“, sagt Ihlefeldt.

Jetzt erst kann die Verwaltung des Südwestkirchhofs die Schäden an jenen Gräbern reparieren lassen, die 2013 von Tätern heimgesucht wurden. In jenem Jahr hatten Diebstähle auf dem 200 Hektar großen Gelände Hochkonjunktur. Allein 140  000 Euro müssen dafür aufgebracht werden – eine Summe, die über Fördergelder und Spenden zusammenkam. Statt Kupfer wird nur noch Zink für die Abdeckungen der Mausoleen verwendet. „Da ist die ganze Ästhetik dieser Bauwerke dahin“, klagt Ihlefeldt, der seit einem Vierteljahrhundert auf dem Südwestkirchhof arbeitet. „Aber eine Alternative gibt es nicht.“

Die Diebstähle seien für Angehörige kaum zu verkraften, sagt Christoph Heil, Sprecher der evangelischen Landeskirche. Fast alle Friedhöfe seien betroffen. Sogar am helllichten Tag wurde schon ein riesiges Marmorrelief herausgestemmt und abtransportiert. In den vergangenen drei Jahren registrierte die Brandenburger Polizei zwischen 80 und 100 Fälle jährlich, bei denen eine Störung der Totenruhe angezeigt wurde.

Zwar existieren in der Verwaltung des Südwestkirchhofs bereits Pläne für einen neuen Sicherheitszaun, für die Umsetzung fehlt jedoch das Geld. 700  000 Euro Kosten sind dafür veranschlagt. Derzeit hält die vier Kilometer lange Umzäunung nur Wildtiere ab. „Man wird dieses riesige Gelände nie vollständig überwachen können“, sagt der Verwalter. Er selbst läuft oft Streife in der Nacht.

Auf den Rundgängen trifft Ihlefeld dagegen immer seltener auf Gruftis und Satanisten, die in den 90er-Jahren noch regelmäßig Spuren hinterlassen haben – Kerzen, kleine Figuren oder Schriftzeichen. „Für die schwarze Szene sind wir zu abgelegen“, sagt er. Nächtliche Zeremonien der Freunde des Morbiden habe es ohnehin selten gegeben.

Allerdings hatten Ermittler in der Murnau-Gruft Wachsreste auf einem Sargdeckel entdeckt. Schon mehrfach hatten sich Unbekannte dort Zugang verschafft. Ein okkulter Hintergrund wird von der Polizei daher nicht ausgeschlossen, eine heiße Spur existiert allerdings noch nicht. Auch in einschlägigen Internetforen sei man noch nicht auf Hinweise über den Verbleib des Kopfes gestoßen, sagt Polizeisprecherin Jana Birnbaum.

Fassungslosigkeit über den Einbruch in die Grabstätte herrscht nach wie vor bei der Murnau-Stiftung. Warum der Regisseur, der 1921 den Klassiker „Nosferatu“ über die Geschichte des Vampirs Graf Orlok schuf, noch immer von Okkultisten verehrt wird, kann man sich dort nicht erklären. „Er hat ein vielschichtiges Werk hinterlassen“, so ein Sprecher. „Man kann ihn nicht auf Vampire reduzieren.“

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