Tierwelt Brandenburg : Beim Biber bleibt es, wie es ist

Biber bauen aus Holz Dämme im Wasser. Patrick Pleul
Biber bauen aus Holz Dämme im Wasser. Patrick Pleul

Landkreis Märkisch-Oderland will bei Nagern mehr Handlungsfreiheit haben / Population ist stark gestiegen

svz.de von
25. September 2015, 10:48 Uhr

Das Land Brandenburg wird vorläufig keine Bundesratsinitiative starten, um eine leichtere Jagd auf Biber zu ermöglichen. Einen Antrag der CDU-Fraktion, über den Bundesrat den Schutzstatus des Bibers in der FFH-Richtlinie anzupassen und eine einfachere „Entnahme“ von Tieren zu ermöglichen, lehnte das Potsdamer Landesparlament am Freitag mehrheitlich ab.

Zuvor hatte die CDU-Landtagsabgeordnete Kristy Augustin an die Lage im Oderbruch erinnert, wo sich die Biberpopulation in den letzten Jahren rasant entwickelt hatte. „Die Natur ist nicht statisch“, sagte Augustin. „Sie verändert sich ständig, entsprechend muss sich das Naturschutzrecht anpassen.“ Im Oderbruch herrsche vor Ort Frustration, die Menschen vertrauten der Landesregierung nicht mehr.

Dagegen fragte Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger: „Wem nutzt eine Bundesratsinitiative, die keine Chance auf Mehrheit hat?“ Wer vom Biber betroffen sei, solle nach dem Amtsantritt der Biberbeauftragten im Umweltministerium Anträge zur Förderung von Präventionsmaßnahmen stellen. „Wir brauchen einen Lagebericht zum Biber, und den kriegen wir nur, wenn auch tatsächlich Anträge zum Biber gestellt werden“, sagte die SPD-Landtagsabgeordnete Jutta Lieske.

Der umweltpolitische Sprecher der Linken und Prignitzer Landtagsabgeordnete Thomas Domres sprach sich dagegen dafür aus, FFH-Anhänge generell stärker zu regionalisieren – auch unabhängig vom Biber. „Vielleicht kann die CDU-Bundestagsfraktion da ja tätig werden“, sagte er an die Adresse der Christdemokraten im Landtag gerichtet.

Der in Brandenburg am stärksten vom Biber besiedelte Landkreis Märkisch-Oderland wäre gern schlagkräftiger im Umgang mit Europas größtem Nager.

Dabei seien die Interessen von Landwirten, Naturschützern und Einwohnern zu berücksichtigen, sagte der Fachbereichsleiter und stellvertretende Landrat Rainer Schinkel. Er nannte Hochwasserschutz, Vernässung von Flächen, Sicherheit, aber auch Artenvielfalt und die Aufwertung von Lebensräumen.

„Grenzen spielen für den Biber keine Rolle.“ Eine enge Abstimmung mit dem Nachbarn Polen, um von dem Biber verursachte Probleme gemeinsam zu lösen, läge auf der Hand. Bisher gebe es hier keinerlei Zusammenarbeit, aber letztlich müssten auch erst einmal in Brandenburg die Hausaufgaben gemacht werden, betonte Schinkel. Wenn diesseits der Oder der Bestand an Bibern reduziert würde, wäre damit zu rechnen, dass Tiere von Osten her nachrückten, erläuterte der Verbandsingenieur des Gewässer- und Deichverbandes Oderbruch, Axel Hulitschke.

Der Biber kann mit seinen Dämmen Felder und im Einzelfall Häuser unter Wasser setzen. Außerdem gefährdet seine Wühlarbeit Deiche und damit den Hochwasserschutz sowie Straßen und Bahndämme. Die Zahl der Tiere in Brandenburg wird auf rund 3000 geschätzt, von denen mehr als 1000 im Kreis Märkisch-Oderland leben, etwa so viele wie in Sachsen. Biber werden einen Meter lang, wiegen 20 bis 30 Kilogramm, sind Pflanzenfresser und streng geschützt.

Eigentlich sei eine EU-Regelung nötig, bemerkte der Gewässer-Experte Hulitschke. Auf polnischer Seite würden die Feuchtgebiete – anders als auf deutscher, im Oderbruch – landwirtschaftlich nicht so intensiv genutzt und der Biber somit eher geduldet. Obendrein fehlten dort die Gesprächspartner für die Thematik.

Auch wenn die seit 1. Mai geltende Verordnung in der Mark das Fangen und Umsiedeln Schaden verursachender Tiere vorsieht, falls Präventionsmaßnahmen keinen Erfolg bringen, ist das Schinkel zufolge nicht mehr praktikabel. Denn etwa Ungarn und Frankreich, geschweige das übrige Deutschland, nähmen keine Biber mehr ab. „Entnehmen heißt töten“, übersetzt der Vizelandrat das Behördendeutsch – eine Maßnahme, die die Landesverordnung äußerstenfalls zulässt. Der Landesjagdverband steht Gewehr bei Fuß.

Die zwei gerade berufenen Biberbeauftragten der Landesregierung betrachtet der Kreis als Zeichen, dass das Land die Handlungsnotwendigkeit erkannt hat. „Deren Aufgabe hat sich mir aber noch nicht hundertprozentig erschlossen“, meinte Hulitschke. Er wünsche sich, dass sie vor allem die Kosten zur Schadensbehebung an Gewässern zweiter Ordnung erfassen, von denen mehr als 1000 Kilometer in den Einzugsbereich des Gewässer- und Deichverbandes fallen.

Die reinen Instandsetzungsmaßnahmen infolge von Biberschäden, etwa für die Beseitigung von Dämmen, betragen laut Hulitschke jährlich etwa 200 000 Euro. Bei nötigen Reparaturen gebe es einen Millionenrückstand, einige Gewässerabschnitte seien in katastrophalem Zustand. „Wir sind im Moment diejenigen, die am lautesten schreien.“

Seit einiger Zeit soll eine regionale Arbeitsgruppe, bestehend aus Vertretern der Bauern, Naturschutzverbände und, Verwaltung sowie des Gewässer- und Deichschutzverbandes nach Lösungen für das Biber-Problem suchen. Die zu bohrenden Bretter sind jedoch hart.

„Das ist ein zählebiges Geschäft, sich anzunähern, aber wir sind zum Erfolg verdammt“, resümierte Vizelandrat Schinkel die Arbeit der Runde. Und der Chef der Unteren Naturschutzbehörde, Jürgen Trakat, pflichtete ihm bei: „Wir drehen uns etwas heftig im Kreis.“

Immerhin sehen Potsdam und Seelow inzwischen gleichermaßen Handlungsbedarf. „Das Land hat das Thema erkannt“, stellte Schinkel fest. Und im Umweltministerium hieß es: „Völlig klar, dass etwas passieren muss.“ 

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