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Gesundheitswesen : Aus halb Europa

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Eine Beelitzer Klinik stellte gleich 80 ausländische Pflegekräfte ein

svz.de von
erstellt am 20.Feb.2015 | 18:56 Uhr

Die Krankenschwestern in der Überwachungsstation scherzen, gelöste Stimmung, bevor die Frühschicht endet. Berta Caceres und Urszula Dorda lachen mit, obwohl sie nicht alles verstanden haben. Die beiden neuen Mitarbeiterinnen der Neurologischen Rehabilitationsklinik in Beelitz (Potsdam-Mittelmark) stammen aus Spanien und Polen. Sie kämpfen noch mit der deutschen Sprache.

Es ist eine multikulturelle Belegschaft, die in dem Krankenhaus schwer kranke Patienten versorgt. Ein Viertel des Personals wurde in den vergangenen Monaten in Bulgarien, Rumänien, Ungarn und in beiden genannten Ländern angeworben. Damals hatte die Einrichtung nach einer Erweiterung der Bettenzahl großen Bedarf. Doch der heimische Arbeitsmarkt war nahezu leergefegt.

Geschäftsführer Georg Abel sitzt in seinem sonnendurchfluteten Büro, neben Aktenstapeln steht eine Mate-Limonade. Er trägt ein schneeweißes Hemd, einen modischen grauen Schlips und erzählt über seine Europareise auf der Suche nach neuen Pflegern. „Wir mussten ein Experiment wagen“, sagt der 33-Jährige. „Hier geht es nicht mit Robotern, wir brauchen Hände.“

In seinem Haus werden Patienten behandelt, die meist einen Schicksalsschlag hinter sich haben. Nach Schlaganfällen oder Unfällen mit Wirbelsäulenschäden werden sie wieder an das Leben herangeführt. Meist nur in kleinen Schritten. Zudem ist der Standort auf Parkinson-Erkrankungen spezialisiert. „Die Notfallmedizin kann viel, aber es folgt oft ein jahrelanger Kampf mit Spätfolgen.“

Abel benötigte also 80 neue Mitarbeiter, um die neuen Stationen überhaupt in Betrieb nehmen zu können. Die Recherche in der Region gab er schnell auf: „Das war utopisch.“ Auch in westdeutschen Bundesländern hatte er keinen Erfolg, da die Tarife deutlich höher sind. Letzte Rettung war das Ausland – Personalagenturen sollten dort geeignete Bewerber ausfindig machen.

Der Klinikchef reiste zusammen mit seiner Pflegedirektorin in verschiedene Metropolen und führte Vorstellungsgespräche in Hotels. Manchmal holte er nach kurzer Zeit einen unbefristeten Arbeitsvertrag aus der Tasche, 30 Tage Urlaub, gleicher Lohn wie die deutschen Kollegen. „Sie waren baff“, sagt Abel.

Ob er Hilfe aus der Politik erhalten hat? Der Diplom-Kaufmann winkt ab. Es werde zwar viel über den Fachkräftemangel geredet. Von praktischen Vorschlägen ist bei ihm, im Dachgeschoss eines schön sanierten Fachwerkbaus der ehemaligen Beelitzer Lungenheilstätten, jedoch nicht viel angekommen. „Die Konkurrenz um Köpfe ist in unserer Branche groß“, sagt er. „Und sie wird noch steigen.“

Der Klinikchef beschönigt nichts. Er berichtet über die anfänglich große Skepsis in seinem Haus, über einzelne Widerstände unter den 600 Mitarbeitern. Abel erzählt von bürokratischen, kulturellen und sprachlichen Hürden, und er räumt Misserfolge ein. Nicht alle ausländischen Pflegekräfte blieben in Beelitz – sie zog es zurück in die Heimat oder in besser bezahlte Jobs. Die Hälfte ist noch dabei.

Allein bei den Anforderungen an eine Krankenschwester gibt es große Unterschiede zwischen Deutschland und anderen EU-Staaten. „Woanders muss man diesen Beruf studieren und erwirbt einen Bachelor-Abschluss“, sagt Pflegedirektorin Sandra Fleischer. Dort gehe es auch um mehr medizinische Tätigkeiten, um das Bedienen von Geräten, weniger um körperlich schwere Arbeit.

Dadurch unterscheiden sich die Abläufe gravierend. Als eine junge spanische Kollegin einmal einen Patienten umbetten sollte, rief sie nach einem „Umlagerer“, einen der breitschultrigen Helfer, die in iberischen Krankenhäusern das Fachpersonal unterstützen. „Gibt es bei uns natürlich nicht“, sagt Fleischer. Doch das war nur eines von vielen Problemen bei der Einarbeitung. „Wir mussten hier üben, wie man Patienten wäscht, ihnen die Zähne putzt, sie anzieht oder die Haare kämmt“, berichtet die Pflegedirektorin. „In der Pflege hatten viele ausländische Kollegen keine Erfahrungen.“ Das Stammpersonal murrte zunehmend – es hatte auf Entlastung gehofft. Stattdessen mussten die erfahrenen Krankenschwestern die neuen Kollegen noch anlernen.

Bevor die Stimmung kippte, holte Abel Hilfe. Er engagierte eine Integrationsbeauftragte, die zuvor internationale Teams geschult hat. In Diskussionsrunden konnten die Krankenschwestern „Dampf ablassen“. Zudem erläuterte Abel immer wieder seine Gründe. Sandra Fleischer gibt den ausländischen Kollegen zudem Unterricht: Dokumentation, Abläufe, rechtliche Fragen, Nachhilfe zu bestimmten Krankheiten. Die Sprache müssen sie nach Feierabend lernen. Dort gibt es die größten Hürden. „Wir hatten es uns einfacher vorgestellt“, sagt die Pflegedirektorin. Vielfach wurde der gesetzlich vorgeschriebene Sprachtest nicht bestanden.

Langsam indes stellen sich Erfolge ein. Einige Mitarbeiter aus Osteuropa haben ein Haus mit der Familie bezogen. Eine Spanierin holte ihren Freund nach, der ebenfalls eine Stelle in der Klinik fand. Mittlerweile erwarten sie ihr erstes Kind. „Das Leben hier ist komplett anders“, sagt Berta Caceres, die in Sevilla angeworben wurde. „Es ist leise, ja langweilig. Aber ich fühle mich gut aufgenommen.“

Auch die Familie von Urszula Dorda war zuerst nicht begeistert, als sie von Bolesawiec (Bunzlau) in Schlesien den Schritt nach Brandenburg wagte. „Es war allein meine Entscheidung“, sagt sie. Ihr Mann arbeitet noch in Polen. Die größte Herausforderung war der neue Job. „Früher habe ich in der Psychiatrie gearbeitet. Das ist hier was völlig anderes.“

Mittlerweile sind Freundschaften in den Schwesternzimmern entstanden. Die Brandenburger brachten alte Märchenbücher mit, damit die neuen Kollegen ihren Kindern daraus vorlesen und gleichzeitig die deutsche Sprache lernen. In den Pausen lernen sie zusammen Vokabeln. Abel bleibt indes nur vorsichtig optimistisch. Wie viele der ausländischen Kollegen langfristig bleiben, sei völlig unklar, meint er. Drei Jahre müssen sie nach einer Vereinbarung mindestens bleiben, da die Klinik in Weiterbildungen investiert hat. Gewerkschaften sprechen von Knebelverträgen. Abel bezeichnet diese Laufzeit jedoch als rechtlich legitim.

Trotz der gesamten Unwägbarkeiten und der schwierigen Integration zieht er ein positives Fazit: „Diese interkulturelle Zusammenarbeit hat Zukunft. Man kann nicht Europa predigen und es dann nicht leben.“

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