Ärzte und Krankenhäuser streiten um patienten : Auge um Auge

Die altersbedingte Makuladegeneration  kann im Prinzip jeden treffen - häufig ist ein Gendefekt die Ursache.
Die altersbedingte Makuladegeneration kann im Prinzip jeden treffen - häufig ist ein Gendefekt die Ursache.

Der Medizinermangel in Brandenburg führt vermehrt zu einem Gerangel zwischen niedergelassenen Ärzten und den Krankenhäusern.

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22. März 2015, 09:00 Uhr

Der Medizinermangel in Brandenburg führt vermehrt zu einem Gerangel zwischen niedergelassenen Ärzten und den Krankenhäusern. Im Barnim wird derzeit darum gestritten, wer eine ganz bestimmte Augen-Behandlung durchführen darf. Das Wohl der Patienten tritt dabei in den Hintergrund.

Gerd Doehler ist 86 Jahre alt, seit vielen Jahren Rentner, aber als früherer LPG-Chef versteht er es nach wie vor, auf den Tisch zu hauen, wenn seiner Meinung nach etwas schiefläuft. Von einer „groben Ungerechtigkeit“, einem „unerhörten Eingriff in mein Leben“ spricht er angesichts des Umstands, dass er als Patient unverschuldet zwischen die Fronten des Verteilungskampfes zwischen niedergelassenen Medizinern und Krankenhausärzten geraten ist.

Doehler hat eine altersbedingte Augenerkrankung, die Makuladegeneration. Bei seinem Bruder und seinem Schwiegervater hat sie zur Erblindung geführt. Doch nun gibt es hoch wirksame Spritzen dagegen. Direkt ins Auge. Die Kasse zahlt die sehr teure Behandlung. Sieben Spritzen á 1000 Euro braucht Doehler. Die ersten fünf hat er seit Sommer 2014 in der Augenklinik des Eberswalder Forßmann-Krankenhauses bekommen. Alles lief optimal. Gerd Doehler fühlte sich gut aufgehoben.

Doch dann war auf einmal Schluss. In einem Brief teilte ihm die Klinik Anfang dieses Monats mit Bedauern mit, dass die Behandlung wegen der Beschwerde eines niedergelassenen Augenarztes sofort gestoppt werden müsse. Der Mediziner pocht darauf, dass er und seine Kollegen für die Behandlung zuständig seien, nicht aber das Krankenhaus.

Zur Klärung hat er den Berufungsausschuss für Ärzte angerufen, ein unabhängiges Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung von Krankenkassen und Ärztevertretern. Und bis der voraussichtlich Mitte April sein Urteil fällt, ist die Behandlung im Krankenhaus ausgesetzt und Doehler aufgerufen, sich für die verbleibenden Spritzen an einen der niedergelassenen Mediziner in der Region zu wenden.

Gerd Doehler ist empört. „Nur weil sich irgendein mir nicht bekannter Mediziner beschwert, wird massiv in eine funktionierende Arzt-Patient-Verbindung eingegriffen“, kritisiert er. „Ich erwarte Vertrauensschutz, also dass ich eine begonnene Therapie beim Arzt meiner Wahl fortsetzen kann.“ Auch könne er nicht nachvollziehen, wieso der Augenarzt die Behandlung an sich ziehen wolle, obwohl allgemein bekannt sei, dass man auf Termine bei den Spezialisten monatelang warten müsse. Wartezeit bleibe ihm zwar erspart, so Doehler. Er habe in einer Praxis fristgemäß einen Termin für die nächste Spritze bekommen, muss aber nun 30 statt acht Kilometer fahren. „Dieses Prinzip ärgert mich. Und wahrscheinlich rutschen wegen mir andere Patienten mit ihren Terminen nach hinten.“ Zu vermuten ist das auch deshalb, da nach Auskunft des Forßmann-Krankenhauses die Spritzen-Kur für 200 Patienten abgebrochen werden musste. „Wir führen die Behandlungen seit Jahren durch. Die Erlaubnis dafür wurde erst im Oktober 2014 verlängert“, so ein Kliniksprecher.

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KV) ist das Problem bekannt. Ein Sprecher erklärt, dass sich Krankenhausärzte kraft einer „Ermächtigung“ an der ambulanten Versorgung beteiligen können, „wenn bestimmte Leistungen im vertragsärztlichen Bereich nicht im notwendigen Umfang erbracht werden können“. Sprich: wenn die niedergelassenen Mediziner überlastet sind.

Das ist in Brandenburg immer häufiger der Fall. Die Grenze zwischen ambulantem und stationärem Bereich wird wegen des Ärztemangels durchlässiger. Aber im vorliegenden Fall bestreitet der klagende Augenarzt, dass es Engpässe gibt. „Er sagt, dass er die Kapazitäten hat, um die Patienten zu behandeln“, so der KV-Sprecher. Statistisch liege der Versorgungsgrad mit Augenärzten in der Region bei 117 Prozent, fügt er hinzu.

Dass im konkreten Fall die Behandlung im Krankenhaus abgebrochen werden musste und sich die zumeist älteren Patienten neu orientieren müssen, bedauert die KV. „Wir nehmen Fälle dieser Art ernst, überlegen, was wir machen können, müssen aber allen Seiten gerecht werden.“

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