Volkskrankheiten: : Auf den Puls gefühlt

Blick ins Innere: Larissa Kriesch vom Studienzentrum untersucht das Herz von Robert Otto. Bis zu 24 Tests werden in der Einrichtung vorgenommen. Sie liefert Daten für eine bundesweite Langzeitstudie.
Blick ins Innere: Larissa Kriesch vom Studienzentrum untersucht das Herz von Robert Otto. Bis zu 24 Tests werden in der Einrichtung vorgenommen. Sie liefert Daten für eine bundesweite Langzeitstudie.

Mit der bislang größten Langzeitstudie wollen Mediziner mehr über Risikofaktoren von Volkskrankheiten herausfinden, um Vorbeugung und Früherkennung zu verbessern.

svz.de von
01. April 2015, 08:00 Uhr

Mit der bislang größten Langzeitstudie wollen Mediziner mehr über Risikofaktoren von Volkskrankheiten herausfinden, um Vorbeugung und Früherkennung zu verbessern. In Berlin wurde jetzt das dritte regionale Untersuchungszentrum der Öffentlichkeit präsentiert, das auch Brandenburger Probanden betreut.

Drei Stunden hat Andreas Kaunath alles gegeben. Er hat in die Pedalen getreten, kraftvoll ein- und ausgeatmet, hat seine Geschicklichkeit, seine Konzentration, seinen Geruchsinn, seinen Händedruck, seine Gelenke, Augen, Herz und Kreislauf testen lassen. Der 54-Jährige weiß jetzt so ungefähr, wie sein Körper tickt. „Es ist alles im grünen Bereich“, sagt er stolz.

Der Mann aus Falkensee (Havelland) ist einer von bislang 400 Probanden, die das Studienzentrum auf dem Campus Benjamin Franklin in Berlin-Steglitz besucht haben und dort ihren Körper von Experten untersuchen lassen. Einige der modernen medizinischen Geräte, die in den poppigen Farben gestrichenen Räumlichkeiten stehen, sind völlig neu auf dem Markt.

Nationale Kohorte nennt sich die umfassende Bevölkerungsstudie, zu der Kaunath und 10  000 weitere Teilnehmer aus Berlin und Brandenburg in Steglitz beitragen sollen. Bundesweit planen die Organisatoren mit insgesamt 200  000 Erwachsenen im Alter von 20 bis 69 Jahren, deren gesundheitlicher Werdegang über mindestens zwei Jahrzehnte verfolgt werden soll. Allein in Berlin gibt es zwei weitere Studienzentren, bundesweit sind 24 Institutionen beteiligt.

Als er den Einladungsbrief las, habe er erst einmal gestutzt, berichtet Kaunath. „Abschreckend“ findet er die Bezeichnung der Studie. „Man hätte mehr Öffentlichkeitsarbeit leisten müssen, um den Menschen die Gründe zu erklären“, betont er. Ebenso hatte er anfangs Bedenken, was mit seinen Gesundheitsdaten passiert. Diese seien jedoch zerstreut worden, sämtliche Werte würden anonymisiert. „Alles in allem ist das für mich eine ausgezeichnete Vorsorge“, so Kaunath.

Dabei ist die gesamte Erhebung nur dann erfolgreich, wenn die Resonanz stimmt. Die Teilnehmer wurden per Zufallsprinzip ausgewählt. Bisher macht nach Angaben des Steglitzer Studienzentrums jeder Fünfte mit. „Wir hätten uns natürlich eine bessere Quote gewünscht, aber die Arbeit hat gerade erst begonnen“, sagt Heiner Boeing, wissenschaftlicher Leiter der Einrichtung, die vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam betrieben wird.

Boeing vermutet, dass viele der angeschriebenen Bürger keine Zeit haben. Denn neben dem mehrstündigen Check, der nach fünf Jahren wiederholt wird, müssen die Teilnehmer auch regelmäßig Fragebögen ausfüllen – und Auskünfte über ihren derzeitigen körperlichen Zustand, Krankheiten sowie ihre Ernährung geben.

Je mehr Frauen und Männer jedoch bei der Nationalen Kohorte mitwirken, desto repräsentativer und aussagekräftiger werden die Ergebnisse. „Wir wissen noch viel zu wenig über die Faktoren Ernährung und Bewegung bei der Entstehung von Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs“, erklärt Boeing, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Potsdamer Institut. Es gebe oft geringe Veränderungen im Körper, die klinisch kaum erfasst werden, aber gravierende Folgen haben. „Wir hoffen, dass die Langzeitstudie dazu beiträgt, künftig noch differenziertere Ernährungstipps geben zu können.“

Das Land Brandenburg selbst hat die technische Ausstattung mit 600  000 Euro gefördert, für den Betrieb werden jährlich 140  000 Euro überwiesen. Das Geld floss unter anderem in einen Scanner, der Eiweiß-Zucker-Moleküle im Blut misst, die Hinweise auf die Entstehung von Diabetes oder Alzheimer liefern können. „Dieses Gerät gibt es noch in keiner Arztpraxis“, sagt Heike Rautenberg, die mit Teilnehmern sämtliche Tests vornimmt. Ebenso zählen eine spezielle Fotografie des Augenhintergrunds sowie Analysen der Ausatemluft nicht gerade zu den üblichen ärztlichen Regelleistungen. „Man kann aber auch einzelne Untersuchungen ablehnen“, sagt Rautenberg. Unangenehm sei nur der Piekser bei der Blutentnahme.

Für Kaunath geht die Untersuchung auch zu Hause weiter. Ihm wurde ein Bewegungssensor von der Größe einer Streichholzschachtel übergeben, den er sieben Tage und Nächte tragen soll. Auch dieses Gerät sei noch nie in einer größeren Studie eingesetzt worden, sagt der Leiter des Studienzentrums, Matthäus Vigl. Dem Sensor entgeht nicht, ob jemand sitzt, liegt oder steht. „Jetzt erfahren wir wirklich, wie sich die Deutschen im Alltag bewegen“, so Vigl. Allerdings erst in einigen Jahren, wenn erste Ergebnisse ausgewertet wurden.

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