Millionen Krabbelviecher : Attacke der gefräßigen Kiefernspinner

Die letzten grünen Nadeln eines Baumes werden vom Forstschädling Kiefernspinner abgefressen.
1 von 2
Die letzten grünen Nadeln eines Baumes werden vom Forstschädling Kiefernspinner abgefressen.

Auch andere Schädlinge als der Eichenprozessionsspinner sind gefährlich. Teile des Waldes in Südbrandenburg drohen abzusterben.

svz.de von
12. Juli 2014, 14:00 Uhr

Oberförster Arne Barkhausen drückt es sarkastisch aus: „Der Tisch ist gedeckt.“ Er steht mitten in seinem Revier und muss mit ansehen, wie Tag für Tag immer mehr Kiefern in der Lieberoser Heide im Süden Brandenburgs abgefressen werden. Das kann man sogar hören. Es klingt wie ein Nieselregen, der auf ein Zeltdach prasselt. Aber es ist kein Regen, sondern die Fressgeräusche von Raupen und ihr herabfallender Kot. Abermillionen Kiefernspinner krabbeln in diesem Jahr in dem 6000 Hektar großen Naturschutzgebiet an Kiefern hoch und machen sich an den Nadeln zu schaffen. Viele Bäume drohen abzusterben. Gespritzt wurde dort in diesem Jahr gegen den Schädling nicht. Unter Behörden herrscht Uneinigkeit, wer dafür verantwortlich ist.

Es kommen mehrere Faktoren in dem Waldgebiet zusammen: Es besteht überwiegend aus Kiefern. Das ist fatal, wenn der Schädling besonders häufig vorkommt. So wie in diesem Jahr. 500 Hektar sind laut Barkhausen schon abgefressen. „Tendenz steigend.“ Die Bäume sehen teilweise aus, wie nach einem Waldbrand. Der Leiter der Landeswaldoberförsterei Peitz (Spree-Neiße) zeigt zwischendurch hoffnungsvoll auf kleine Nadelreste an manchen Spitzen. „Die könnten wieder treiben, wenn alles gut geht“, sagt Barkhausen.

Die Bäume sind ihm zufolge etwa 40 Jahre alt. Das gesamte Waldgebiet, das zu zwei Dritteln im Staatsbesitz ist, erstreckt sich über 25 000 Hektar. Aber nicht alle Flächen sind Naturschutzgebiet. Der Wald wird auch als Wirtschaftswald genutzt und das Holz weiterverarbeitet.

Betroffen vom Kahlfraß durch den Kiefernspinner ist laut Forstministerium in diesem Jahr vor allem Südbrandenburg, weil es dort wenig Mischwald und viele reine Kiefernwälder gibt. Dass in dem Naturschutzgebiet in der Lieberoser Heide nördlich von Peitz nicht gespritzt wurde, liegt an einer Verordnung von Bundesbehörden.

Hintergrund ist laut Umweltbundesamt eine relativ neue Umsetzung einer EU-Rahmenrichtlinie. Diese sieht demnach ein grundsätzliches Verbot der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln mit Luftfahrzeugen wegen der hohen Risiken für die Umwelt vor. Ausnahmen können für Waldgebiete erteilt werden. Es habe bundesweit für das Jahr 2014 eine Zulassung für zwei Mittel gegeben, allerdings nicht für die Anwendung in Naturschutzgebieten. Das Umweltbundesamt begründet das damit, dass dort seltene Arten vorkommen, die durch das Spritzen gefährdet sein könnten.

Brandenburg hätte aber auch hier einen Antrag auf eine Notfallgenehmigung stellen können, wie es weiter heißt. Dieser wäre vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, das für die Genehmigungen unter Einbindung des Umweltbundesamtes zuständig ist, geprüft worden.

Das brandenburgische Forstministerium wirft den Bundesbehörden vor, dass diese Möglichkeit auch auf Nachfrage nicht kommuniziert worden sei. Die Auflage mit den Naturschutzgebieten sei erstmalig erfolgt.

Der Naturschutzbund (Nabu) hält das Spritzverbot für richtig. Denn das Pflanzenschutzmittel hätte neben dem Kiefernspinner auch seltene Tierarten treffen können, wie Nabu-Landeschef Friedhelm Schmitz-Jersch sagt. „Wir fordern stattdessen, dass die Ursachen beseitigt werden und Mischwälder entstehen.“ Dadurch könnten sich die natürlichen Gegenspieler des Kiefernspinners ansiedeln. Barkhausen zufolge wird das längst versucht. Wenn Kiefern jetzt aber absterben, könnten keine neuen Bäume ungestört heranwachsen – weil das schützende Kieferndach fehle.

Das Forstministerium ist nach eigenen Angaben mit den Bundesbehörden nun in Gesprächen, um vielleicht noch in diesem, jedoch zumindest für das nächste Jahr eine Notfallgenehmigung für die Behandlung der Kiefernbestände zu beantragen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen