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23. November 2017 | 18:02 Uhr

Antons Welt sind Bilder

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Oliver und Annette Hohlfeld müssen besondere Ereignisse zu Hause in der Uckermark ganz besonders sorgfältig vorbereiten: Ihr kleiner Sohn ist Autist

svz.de von
erstellt am 22.Dez.2014 | 15:48 Uhr

Antons Wünsche an den Weihnachtsmann vor wenigen Wochen waren bescheiden. Kein Lego, kein Playmobil, kein Nintendo – eine Uhr wünscht sich der Zehnjährige. Er hat die Zeit entdeckt und stoppt mit Begeisterung, wie lange ein Film, ein Lernspiel oder alltägliche Verrichtungen dauern. Im vergangenen Jahr bekam er einen Atlas. Der Schüler liebt Land- und Straßenkarten, versinkt darin wie in einem Fantasyroman.

Anton ist ein besonderes Kind. Er hat frühkindlichen Autismus, eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die zum Beispiel die Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen betrifft. Dass Anton heute sogar in die Schule gehen kann, ist ein langer, mühsamer Weg gewesen, den vor allem seine Eltern mit ihrem kleinen Sohn gegangen sind. „Er war ein friedliches, unkompliziertes Baby“, erzählt Oliver Hohlfeld. Stutzig wurden die Eltern erst später, als Anton keinerlei Anstalten machte, sprechen zu lernen. Die Familie lebte damals in Spanien. „Wir schoben das auf die Zweisprachigkeit, wohnten auch recht isoliert“, sucht Annette Hohlfeld nach Erklärungen. Als Anton mit zwei Jahren in die Kita musste, bekam er Wutanfälle und lief davon. Ein kleiner Junge, der nicht sprach, in den Straßen der Millionenstadt Madrid. Nur durch Zufall entdeckte sein Vater den Ausreißer schnell wieder.

Allmählich jedoch wuchs die Angst, dass mit Anton irgend etwas nicht stimmen könnte. „Er beachtete seinen großen Bruder überhaupt nicht. Er rannte immer diagonal hin und her. Er spielte nicht mit anderen Kindern und konnte stundenlang vor der rotierenden Trommel der Waschmaschine sitzen“, erzählen die Eltern. Auf die erste Diagnose Autismus reagierten sie dennoch brüskiert, wohl immer in der Hoffnung, eine andere Erklärung für das Verhalten ihres Sohnes zu finden. Doch mehrere Untersuchungen, auch in Deutschland, bestätigten es: Anton ist Autist. „Zuerst ist man geschockt, sucht auch nach Schuld bei sich“, sagt Oliver Hohlfeld. „Dann aber lernt man, die Diagnose zu akzeptieren. Nicht als Schicksalsschlag, sondern als Herausforderung, das Beste für Anton zu tun.“

Die Eltern kehrten nach Deutschland zurück, stürzten sich auf Informationen, kümmerten sich um ein sozialpädagogisches Zentrum und um eine integrative Kita. Jede Umgewöhnung ist für Anton ein harter Kampf, jede noch so kleine Veränderung der Umgebung, der Rituale bedeutet großen Stress und Aufregung – für das Kind ebenso wie für die Familie. Ganz normale Alltagssituationen werden so zur He-rausforderung. „Wenn beim Einkaufen ein anderes Kind weint, hält Anton das kaum aus. Er leidet mit“, berichtet der Vater. Bahnfahrten wiede-rum werden zur Tortur, wenn Mitreisende über das „unerzogene Kind“ lästern. „Am liebsten würde ich ihm dann ein T-Shirt überziehen mit der Aufschrift: ,Ich bin ein Autist‘“, sagt die Mutter.

Urlaubsreisen, spontane Ausflüge oder ein Jahrmarktbummel sind kaum möglich. „Am besten ist es für Autisten, wenn alles so bleibt, wie es ist.“ Doch ganz so wollen es die Hohlfelds auch nicht. „Unser Ziel ist es, Anton, so weit es geht, ein selbstständiges Leben zu ermöglichen. Das erfordert eine reizarme Umgebung und ganz viel Training.“

Und es war auch der Grund, weshalb die Familie aus Berlin aufs Land, in ein kleines uckermärkisches Dorf, gezogen ist. Dort bauen sich die Hohlfelds ein 300 Jahre altes Fachwerkhaus mit Garten nach ihren Bedürfnissen aus. Das Ehepaar ist mittlerweile Experte, wenn es um Autistenförderung geht. Annette und Oliver Hohlfeld hatten das Glück, als eine der ersten Familien das Potsdamer Elterntraining zur Frühförderung autistischer Kinder, kurz PEFA, nutzen zu können, das von der Aktion Mensch unterstützt wird. Dieses Intensivtraining soll Väter und Mütter durch umfassende Anleitung, Begleitung und Supervision befähigen, ihr Kind in den ersten Lebensjahren optimal zu betreuen, es zu verstehen und auf seine Bedürfnisse reagieren zu können.

20 Stunden pro Woche haben Annette und Oliver Hohlfeld mit ihrem Sohn zu Hause intensiv am Tisch gearbeitet, selbst Anschauungs- und Lernmaterialien hergestellt. Oft saßen Pefa-Fachleute mit im Zimmer, beobachteten Eltern und Kind, gaben wertvolle Tipps und neue Anregungen. „Anton musste in seiner Entwicklung so viel aufholen, vor allem sprechen lernen“, sagt Annette Hohlfeld, selbst Sprachtherapeutin in einer Klinik bei Angermünde. Doch nicht nur Anton machte Fortschritte. Auch die Eltern lernten, ihr Kind und seine Sicht auf die Welt besser zu verstehen.

„Wichtiges aus der Flut von Sinneseindrücken und Informationen herauszufiltern, fällt Autisten enorm schwer, sie nehmen alles gleichwertig auf, es ist wie ein großes Rauschen. Sie brauchen kurze klare Sätze, Fragen verwirren sie. Das macht das Lernen auch so schwer“, erklärt Annette Hohlfeld. „Wir haben gemerkt, dass Anton ein visueller Lerntyp ist. Neues wirkt auf ihn weniger bedrohlich, wenn man es aufmalt.“ So zeichnet die Mutter zu jedem Ereignis, das bevorsteht, Bildergeschichten, sogenannte Social Stories, die sie mit Anton immer und immer wieder anschaut, mit ihm bespricht, ihm Ängste nimmt und erfährt, was ihm wichtig ist.

Auch der Junge malt für sein Leben gern, am liebsten Häuser, denen er Gesichter gibt, und Straßen. Aus dem Kopf hat er zum Beispiel sämtliche Straßenzüge eines Berliner Stadtbezirkes aufgezeichnet. Beim Autofahren merkt er sich jedes noch so kleine Detail. Straßenkarten, seine Lieblingslektüre, speichert er wie ein Foto ab. „Ich brauche kein Navi, ich habe Anton“, sagt sein Vater lachend.

„Zeichnen ist sein Medium, um Dinge auszudrücken und zu verarbeiten“, erklärt die Mutter. Oliver Hohlfeld, der als Dramaturg und Autor arbeitet, illustriert mit den Zeichnungen seines Sohnes mittlerweile eigene Bücher. Inzwischen ist Anton kein Kindergartenkind mehr. Er besucht die Freie Schule Angermünde, eine Inklusionsschule, die sich auf so einen besonderen Schüler gut eingestellt hat, wie die Eltern anerkennen. Über den Deutschen Kinderschutzbund Uckermark wurde dem Jungen eine ausgebildete Begleiterin zur Seite gestellt, zu der er schnell Vertrauen gefasst hat. Und für die Mitschüler ist Anton eben Anton. Er gehört zu ihnen. Sogar zur Klassenfahrt war er mit; seine Mutter hatte ihn auch darauf mit einer Bildergeschichte vorbereitet. „Es ist für Anton wichtig, mit normalen Kindern zusammen zu sein, um sein Sozialverhalten zu trainieren“, sagen die Hohlfelds. „Und die anderen Kinder lernen durch ihn, toleranter mit dem Anderssein umzugehen.“ Aber Inklusion brauche Rahmenbedingungen und Kompetenz, sonst habe niemand etwas davon.

Seine Eltern wissen, dass Anton noch viel Förderung und Betreuung brauchen wird und haben ihr Leben auf ihn eingestellt. „Es ist oft anstrengend, aber es gibt so viele schöne und bereichernde Momente“, berichtet Oliver Hohlfeld. „Wir helfen demjenigen, der die größten Probleme hat und tun es für unser Kind. Ich glaube nicht, dass es einen stärkeren Antrieb gibt.“

Auch Weihnachten bei den Hohlfelds wurde Antons Weihnachten – zu Hause, mit alltäglichen Ritualen, ohne Trubel, ganz in Familie. Nur Oma und Opa kamen zu Besuch. „Als Anton klein war, hat ihn schon die Dekoration verwirrt“, erzählen die Eltern. Jetzt suchen sie gemeinsam den Weihnachtsbaum aus und stellen ihn mitten ins Zimmer. Für Anton die pure Freude.

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