zur Navigation springen

Der Fall Leonardo R. : Ankläger suchen Bruchpilot

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ein verurteilter Iraner ist nach seiner Auslieferung aus Dänemark spurlos verschwunden. Eine E-Mail ist der einzige Anhaltspunkt.

Um Leonardo R. ranken sich viele Geschichten, seit er im September 2012 mit einem polnischen Passagier an Bord sein Businessflugzeug vom Typ Learjet 24 D nach einem Pilotenfehler in einem Maisfeld nahe des Bornholmer Airports Rönne notlandete. Als die dänischen Ermittler das Wrack durchforsteten, stießen sie auf diverse Pässe, ungültige Lizenzen und gefälschte Urkunden. Als dann im Prozess auf Bornholm auch noch Fingerabdrücke des amerikanischen FBI auftauchten, war die Verwirrung perfekt: Denn sie belegen, dass Leonardo R. nicht, wie er vorgibt, Mexikaner ist, sondern iranischer Nationalität ist und international auf der Fahndungsliste steht.

Umso verwunderlicher ist es, dass Leonardo R. oder Nadar Ali Sbaouri H. sich nach zwei Prozessen in Dänemark und Deutschland dem dritten entzieht und von der Bildfläche verschwindet. „Wir suchen ihn“, sagt Dorina Dubrau, Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft. Dort droht dem Piloten ein weiteres Verfahren wegen Eingriffs in den Luftverkehr: Immer wieder war er vom Flugplatz in Strausberg (Märkisch-Oderland) ohne gültige Papiere, ohne vorgeschriebenen Co-Piloten und mit einem Flugzeug gestartet, dessen Lufttüchtigkeitszeugnis schon Jahre zuvor erloschen war. All das warf auch ein schlechtes Licht auf die Obere Gemeinsame Luftfahrtbehörde Berlin-Brandenburg (LuBB), die nach dem Vorfall auf politischen Druck Kontrollen auf den Landeplätzen neu organisierte.

In Frankfurt (Oder) sollte der Unglückspilot zu einer Anhörung erscheinen. „Aber plötzlich war sein Aufenthalt nicht bekannt“, erklärt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Man habe mit der Berliner Justiz Kontakt aufgenommen – dort war der Bruchpilot vom Amtsgericht Tiergarten wegen Betrugs und Urkundenfälschung vor gut einem Jahr verurteilt worden. Leonardo R. hatte über eine Briefkastenfirma Flugzeugteile in alle Welt verkauft, die bestellte Ware aber nie geliefert. Kläger waren Firmen aus den USA, Bahrain, England und Dänemark, die bereits Anzahlungen von bis zu 50 000 US-Dollar geleistet hatten. Überraschenderweise kam Leonardo R. mit einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten davon, nachdem er ein Geständnis ablegte und sich nach Angaben eines Gerichtssprechers mit der Staatsanwaltschaft einigte. Seitdem ist er verschwunden.

Dabei hatten gerade die deutschen Behörden unmittelbar nach dem Unglück vom 15. September 2012 auf Bornholm auf eine Auslieferung nach Deutschland gedrängt – und die lange Liste von Anklagepunkten als Argument mitgeliefert. Die Dänen hatten den Bruchpiloten schon im Frühjahr 2013 vor Gericht gestellt, nachdem er weitgehend genesen war von den schweren Verletzungen, die er sich bei der Bruchlandung zugezogen hatte. Und ihn verurteilt: zu zehn Monaten Haft wegen Betrugs und Gefährdung von Menschenleben.

Schließlich stellte eine skandinavische Untersuchungskommission kurz nach der Bruchlandung klar, dass ein Pilotenfehler Ursache des Unglücks war. Doch nach nur fünf Monaten wird der enttarnte Iraner in Begleitung zweier Polizisten nach Deutschland ausgeliefert. „Nach dänischem Recht kann ein Ausländer nach der Hälfte der verhängten Strafe entlassen werden“, sagte damals Sven Hellner, einer der beiden dänischen Polizisten.

Alles, was das dänische Gericht in akribischer Kleinarbeit zu Leonardo R. während des Prozesses ans Tageslicht brachte, hat sich die Frankfurter Staatsanwaltschaft über ein Rechtshilfeersuchen zukommen lassen. In der Hoffnung, die Ermittlungsakten mit erdrückenden Beweisen in einem möglichen Prozess gegen Leonardo R. zu verwenden. Doch der Pilot ist nicht mehr auffindbar, wie vom Erdboden verschluckt. Lediglich eine Firma, die auf ihrer Homepage die vielen Gesichter und Geschichten von Leonardo R. dokumentiert hat, bekommt dieser Tage plötzlich eine in simplem Englisch verfasste E-Mail mit der Bitte, das Foto des Piloten von der Internetseite zu entfernen. Die letzten Worte in dem Schreiben: „beste Grüße, Leonardo“.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen