Opfer von Stasi-Spitzel : „Aleksander ist ein guter Freund“

Puzzleteile: Rüdiger Sielaff (Mitte), Außenstellenleiter der Stasi-Unterlagenbehörde in Frankfurt (Oder), zeigt dem von Aleksander Radler ausspionierten Ex-Studenten Henning Frunder und Gesine Overkamp Bestandteile aus der Akte des IM „Thomas“, die derzeit rekonstruiert werden.
Puzzleteile: Rüdiger Sielaff (Mitte), Außenstellenleiter der Stasi-Unterlagenbehörde in Frankfurt (Oder), zeigt dem von Aleksander Radler ausspionierten Ex-Studenten Henning Frunder und Gesine Overkamp Bestandteile aus der Akte des IM „Thomas“, die derzeit rekonstruiert werden.

Mit der aus zerrissenen Akten rekonstruierten Verpflichtungserklärung hat die Stasi-Unterlagenbehörde jetzt einen der ausgekochtesten inoffiziellen Mitarbeiter endgültig überführt.

svz.de von
12. März 2014, 16:12 Uhr

Der ehemalige Theologiestudent hat mindestens sechs Menschen ins Gefängnis gebracht. Alle haben sie ihm vertraut, ihrem exotischen Mitstudenten, dem Österreicher Aleksander Radler. Für Gesine Overkamp, Manfred Winter und auch Henning Frunder war der Theologiestudent, der heute in der Frankfurter Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde besser als „IM Thomas“ bekannt ist, wie eine Brücke zum Westen. Ihm vertrauten sie intime Briefe für Verwandte jenseits der Grenze an.

Bernd aus Jena schreibt im Mai 1968 an Tante Gretchen im Westen: „Flucht über Mauer oder Grenze. Wir sind zu jung, um uns erschießen zu lassen.“ Der Student ergänzt: „Dieser Brief wird von einem Österreicher, der in Ostberlin Theologie studiert, in Westberlin abgeschickt. Aleksander ist ein guter Freund von mir.“

Dass Aleksander kein guter Freund, sondern inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit gewesen ist, ahnte Bernd nicht einmal, als der Medizinstudent zu drei Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt wird. Die Staatssicherheit lenkte den Verdacht bewusst von Aleksander ab.

Mittlerweile belegen den Verrat an Mitstudenten rund 1000 rekonstruierte Seiten der Akte „IM Thomas“, zu denen auch die aus dem Jahr 1965 stammende Verpflichtungserklärung des heute in Schweden lebenden Theologie-Professors gehört. Auch Gesine Overkamp, Manfred Winter und Henning Frunder wissen heute, dass sie von ihrem ehemaligen Kommilitonen bespitzelt und verraten wurden. Die drei wurden 1968 verhaftet und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie die DDR verlassen wollten. Zwei weitere Opfer haben sich das Leben genommen.

Der von Behördenleiter Rüdiger Sielaff gern zitierte Fall des Stasi-Agenten mit österreichischer Nationalität sorgt inzwischen für internationales Aufsehen.


Noch mehr Verborgenes könnte öffentlich werden


Es sei der „gravierendste Fall“, den man bislang in der Frankfurter Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde erfahren habe, sagt Sielaff. Freilich ahnt er noch nicht, welche Geheimnisse die Rekonstruktion weiterer Stasi-Schnipsel ans Tageslicht bringt. In den vergangenen zehn Jahren konnte in der Oderstadt der Inhalt von etwa 50 Säcken wieder zusammengesetzt werden. Rund 1550 Säcke lagern noch unbearbeitet in Frankfurt (Oder). Auch der Fall von Aleksander Radler wird die Behörde weiter beschäftigen.

Der Stasi-Spitzel „Thomas“ arbeitete bis zum Ende der DDR eng mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und „in unverbrüchlicher Treue“ mit seinem Führungsoffizier der Bezirksverwaltung Frankfurt (Oder) zusammen. Der Lohn war schließlich eine Theologie-Professur an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Oktober 1988. Die Berufung wurde „durch die Hauptabteilung XX/4 operativ gestützt und ist ein langjähriger Wunsch des IM“, heißt es in den rekonstruierten MfS-Dokumenten. Seine fast 25-jährige IM-Tätigkeit ließ sich Radler auch mit mehreren Tausend Mark von der Stasi vergüten.

Erst der Mauerfall machte dem Treiben von IM „Thomas“ ein Ende, doch von Reue ist beim Theologieprofessor keine Spur. Frech bewirbt sich Aleksander Radler um eine Professur an der Universität in Halle – ausgerechnet für Systematisch-Ökumenische Theologie und Ethik.

Als der Berliner Pfarrer Dietmar Linke bei Recherchen für ein Buch eine Stasi-Karteikarte mit dem frisch gekürten Professor als einstigem IM in Verbindung bringt, ergreift der Mitte der 1990 die Flucht nach Schweden. Doch auch dort holt ihn die Vergangenheit ein. „Ich war nie Spion und habe meines Wissens nie etwas mit der Stasi zu tun gehabt“, beteuert der heute 69-Jährige anfangs. Inzwischen hat er seine Spionage gestanden und sein Pfarramt in Nordschweden aufgegeben. Für Opfer Henning Frunder wenigstens ein schwacher Trost: „Man kann erst seine innere Zufriedenheit und Ruhe finden, wenn alles geklärt ist und man die Zusammenhänge begreifen kann.“

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