Ästhetik des Unperfekten

Arbeit am neuen Relief: Wenn es nicht regnet, ist die Berliner Bildhauerin Gisela Eichardt draußen hinterm Haus am Werk. Sie verwendet am liebsten Linden- und Pappelholz. Dieses Werk ist noch namenlos.
Arbeit am neuen Relief: Wenn es nicht regnet, ist die Berliner Bildhauerin Gisela Eichardt draußen hinterm Haus am Werk. Sie verwendet am liebsten Linden- und Pappelholz. Dieses Werk ist noch namenlos.

Bildhauerin Gisela Eichardt bringt über ihre Plastiken das Innere nach außen

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14. August 2015, 17:15 Uhr

Leicht ist es nicht, die harte Schale zu durchbrechen, das widerspenstige Holz Schicht um Schicht abzutragen, um bis ins Mark des Wesens vorzustoßen. Der Skulptur, dieser hartnäckig geschlossenen Form, hat Gisela Eichardt immer wieder den Kampf angesagt. „In der Plastik kann man nicht so gut starke Ausdrücke wie in der Malerei schaffen, ohne dass es theatralisch aussieht“, erklärt die Bildhauerin ihre Arbeit. Das brachte sie an ihre Grenzen.

Denn mehr als die Oberfläche, eine von der Außenhaut zehrende Figur zu schaffen, gehe es ihr um einen inneren Ausdruck. Gefühle, Lebenssituationen und Befindlichkeiten möchte sie zum Vorschein bringen. „Denn das ist oft das Thema in der Auseinandersetzung mit dem Menschen“, sagt die 51-Jährige, die in Berlin lebt und arbeitet. In ihren Skulpturen der vergangenen Jahre ist das deutlich zu erkennen. Die Formvollendung rückt bei der Plastik „Der Stille“ von 2008 in den Hintergrund. Der Blick des Mannes mit dem sinnlichen Mund wirkt entrückt. Seine Augen sind irgendwo in die Ferne gerichtet, ohne an einem festen Punkt zu verharren. Er scheint sich mit seinen Gedanken nicht im Hier und Jetzt aufzuhalten. So entsteht etwas Geheimnisvolles, Fragendes, das über die Materialität der Figur hinaus geht.

Ihre Arbeit sei immer ein Suchprozess, beschreibt Gisela Eichardt ihr Vorgehen. Dennoch dringt die gebürtige Jenaerin heute mehr denn je zum Kern ihrer Kunst vor.

Um dorthin zu kommen, musste sie sich von der Methodik befreien, die sie während des Studiums der Freien Kunst in Mainz verinnerlichte. Die ersten Jahre danach schuf sie realistische Figuren, die sie in Form und Farbe dem Modell nachbildete.

„Irgendwann kam es mir vor wie eine Sackgasse“, sagt die Künstlerin, die neben Skulpturen auch zahlreiche Reliefs anfertigt. Sie begann, sich von diesem Formdiktat zu lösen, um verstärkt die Themen Wandlung und Verfremdung ins Zentrum zu rücken. Inzwischen bezeichnet sie ihre Werke als „Konglomerate aus realen Figuren und Fiktion“.

Über einen Zeitungsartikel kam sie zu dem Thema „siamesische Zwillinge“. Sie fertigte mehrere Skulpturen und Reliefs dazu an und hielt sich kaum noch an das Modell. Vor allem die damit verknüpften Themen faszinieren sie, wie innere Zwiespältigkeit oder Alter Ego. Es sei ein vielschichtiges Thema. Die Plastik „siamese twins“ (siamesische Zwillinge“) von 2011 zeigt zwei Männer, die mit ihren Oberkörpern zusammengewachsen sind. Einer gleicht dem anderen, nur ihre Blicke gehen in unterschiedliche Richtungen. Sie experimentierte weiter damit. Bei einem anderen Werk ließ sie zwei Frauen an den Haaren zusammenwachsen.

Genauso findet die Künstlerin auch im Unperfekten immer mehr den wahren Ausdruck. Der Blick des Betrachters gleitet nicht vorschnell an einer glatten Oberfläche hinunter, sondern verharrt eine Weile in den Kanten und Furchen des Gesichts – in der menschlichen Ästhetik. Statt genau aufgetragener Farben bleiben auf ihren Skulpturen bewusst auch unbemalte Flecken übrig.

Überhaupt hat sich ihre Art des Kolorierens verändert: „Ich arbeite immer mehr mit verhaltenen Farben. Manchmal gehe ich fast in den Schwarz-Weiß-Modus“, erklärt die Künstlerin.

Teil ihrer Ästhetik des Unperfekten ist es auch, dass im Arbeitsprozess Teile abbrechen oder kaputt gehen und sie so neue Elemente, wie Äste oder Holzstücke, anmontiert. „Die Montagespuren gehören bei mir dazu“, sagt die Bildhauerin.

Gewissermaßen werden so die Bausteine, die einen Menschen ausmachen, erst sichtbar. Und so durchlaufen ihre Werke, die sie oft noch nach Fertigstellung abändert, einem steten Wandel.

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