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Besonderer Buchenwald : Ärger unterm Unesco-Laub

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Waldeigentümer beklagen zunehmenden Tourismus rund um das Grumsiner Weltnaturerbe / Heftige Kritik an der Biosphärenleitung

svz.de von
erstellt am 13.Okt.2014 | 12:15 Uhr

Der Kontakt zwischen Waldeigentümern und dem Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin erscheint kümmerlich. Das zumindest musste Reservatsleiter Martin Flade bei einer Eigentümerversammlung in Groß Ziethen einstecken. Bei der Ausweisung des Buchenwaldes Grumsin als Weltnaturerbe sind die Betroffenen bislang am wenigsten mit ihren Sorgen gehört worden. Doch auch nach nach drei Stunden Debatte blieb ein ungutes Gefühl im voll besetzten Saal.

Das Problem: Die Biosphäre lockt mit der Vermarktung des nach ihrer Darstellung einmaligen Welterbes vermehrt Menschen in eine sensible Region, in der bisher kaum Besucherverkehr war. Ein kompletter Widerspruch zum eigentlichen Naturschutzziel. Denn schon bei der Kernzone handelt es sich um ein Totalreservat.

Die Auswirkungen auf die Waldgebiete drumherum schildern Betroffene plastisch. Waldeigentümer berichten von unflätigen Beschimpfungen durch Wanderführer. Andere beschweren sich über Gruppen, die sich nicht an die Wege halten. Wer für den Privatgebrauch in seinem Eigentum Holz schlägt, muss sich gegen entrüstete Berliner verteidigen. Besucher lassen ihre Hunde frei laufen. Es gibt Beschwerden über zugeparkte Einfahrten und verbale Auseinandersetzungen mit Anwohnern. Waldbrandwarnstufen würden ebenso missachtet wie Absperrungen beim Holzeinschlag.

„Meine Maschinenfahrer werden sogar aus den Fahrzeugen geholt und müssen sich erklären, warum sie hier Fällungen vornehmen“, berichtet Udo Schellner, Unternehmer eines Forstbetriebes. „Und die Besucher laufen sogar durch die Zone eins hindurch“, informiert Siegfried Praschma von der Interessengemeinschaft Grumsiner Forst.

Martin Flade kann die Kritik am wachsenden Besucherverkehr nicht verstehen. Die im Wald eingerichteten automatischen Zählstellen hätten im vergangenen Jahr 3500 Menschen registriert. Die Höchstzahl liegt bei 143 pro Tag. Die Wege in der Kernzone würden aufgelöst. Künftig soll lediglich ein Stichweg für Besucher bleiben. In der Zone zwei sei das immer wieder angesprochene Problem der Verkehrssicherungspflicht eigentlich geklärt. Jeder, der sich im Wald aufhalte, müsse um die Gefahren herunterfallender Äste wissen.

Aufgeschreckt von den Schilderungen bittet Johanna Henschel vom Tourismusverein Angermünde die Waldeigentümer, bei ähnlichen Vorfällen mit Gästeführern oder Wandergruppen sofort Mitteilung zu machen. Jede Führung sei registriert. Man könne nachvollziehen, wer zu welchem Zeitpunkt vor Ort sei.

Problem Nummer zwei im Weltnaturerbe liegt den Waldeigentümern noch mehr am Herzen. Es sind ungeklärte Rechtsfragen und gefürchtete Nutzungseinschränkungen. Bis heute sind mindestens vier Flächeneigentümer in der Kernzone immer noch nicht mit Tauschland versorgt oder anderweitig entschädigt worden.

Nach Informationen der Reservatsleitung dauert der Prozess seit 2007. Von den 120 Hektar Privatwald seien mittlerweile 90 Prozent herausgetauscht oder abgekauft worden. „Der Prozess verlief nicht glatt und reibungslos“, räumt Martin Flade ein. Man könne keine Preise jenseits des Verkehrswertes zahlen. „Sie haben sich unser Eigentum genommen, also müssen Sie an uns herantreten“, lautet der Vorwurf der betroffenen Familien. „Der Preis, den Sie zahlen, ist zu niedrig.“

Ausgelöst worden ist die Kritik am Biosphärenreservat durch neue Managementpläne und Maßnahmen zu deren Umsetzung. Nach Ansicht von Eberhard Lasson vom Grundbesitzerverband Brandenburg sind sie gesetzeswidrig zustande gekommen, weil Eigentümer nicht beteiligt und informiert wurden. Da zurzeit nicht ersichtlich sei, welche Wirkungen die Pläne hätten, solle man vorsorglich Widerspruch einlegen. „Sie stiften Verwirrung“, so die Reaktion von Martin Flade. „Lassen Sie sich nicht verrückt machen“, lautet seine Mahnung an die Waldeigentümer. „Die Pläne haben keinerlei rechtlich bindende Wirkung.“ Man müsse in der Zukunft bei jeder Maßnahme gesonderte Vereinbarungen treffen.

Unabhängig von den Managementplänen haben sich die Eigentümer inzwischen mit den umliegenden Orten über die Ausrichtung von Dorffesten und öffentlichen Veranstaltungen in den Waldgebieten geeinigt. Man werde Sportveranstaltungen und Läufe unterstützen. Mehr Tourismus wäre jedoch schädlich für den Wald. Einige Eigentümer haben sich mittlerweile an die Unesco gewandt.

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