Tod im Flugzeug : Absturz mit Ansage

Nachdem die Cirrus in der Dunkelheit etwa 25 Meter hohe Baumwipfel berührt und beide Tragflächen abreißen, stürzt der Rumpf der Maschine knapp 100 Meter weiter ab. Pilot Thomas L. überlebt den Aufprall nicht.
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Nachdem die Cirrus in der Dunkelheit etwa 25 Meter hohe Baumwipfel berührt und beide Tragflächen abreißen, stürzt der Rumpf der Maschine knapp 100 Meter weiter ab. Pilot Thomas L. überlebt den Aufprall nicht.

Fünf Jahre nach einem tödlichen Unglück bei Strausberg listet der Unfallbericht gravierende Mängel auf.

svz.de von
10. Juli 2014, 15:31 Uhr

Als am Vormittag des 9. Dezember 2009 der Auftrag eines Gefahrguttransports nach Warschau telefonisch in Strausberg (Märkisch-Oderland) eingeht, klingelt wenig später bei Thomas L. in Berlin das Telefon. Der 50-jährige Arzt fliegt des öfteren auf Honorarbasis für das Unternehmen in Strausberg – in den zurückliegenden acht Monaten jedoch nur zweimal. An diesem Donnerstag im Dezember hebt die viersitzige Cirrus SR 20 um 13.43 Uhr ab. Im Cockpit Thomas L., als Fracht zwei Behälter mit leicht radioaktivem Material, das für Krebsdiagnosen verwendet und nach Polen geflogen werden soll – derartige Flüge sind keine Seltenheit.

Die Wetterprognosen jedoch sind mit Regen, schlechter Sicht und Temperaturen um den Gefrierpunkt durchwachsen. Dennoch plant das Strausberger Luftfahrtunternehmen für Thomas L. Hin- und Rückflug mit der Maschine. Wohl wissend, dass zur geplanten Ankunftszeit in Strausberg die Sonne längst untergegangen ist, ein Flug nach Sicht nicht möglich sein wird. Die Bedingungen wären selbst für eine erfahrene Zweimann-Crew in einer allwettertauglichen Turboprop schwierig gewesen, sagt Jan Brill, Chefredakteur des Fachmagazins „Pilot und Flugzeug“ nach Studium der 20-seitigen Expertise der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BfU) aus Braunschweig.

Danach stand der Flug nach Warschau und zurück nicht nur der kritischen Wetterlage wegen von Beginn an unter einem schlechten Stern: Der Flugzeugtyp, den Thomas L. steuerte, war für Nachtsichtflüge nicht zugelassen. Zudem fehlte mit dem Horizontal Situation Indicator (HSI) ein wesentliches Instrument zur Orientierung im Cockpit – es war laut BfU-Bericht wegen eines Defekts ausgebaut, diese Tatsache im Bordbuch aber nicht vermerkt worden. „Das fehlende Instrument führte dazu, dass der Autopilot des Flugzeugs nur eingeschränkt nutzbar war“, heißt es im Untersuchungsbericht.


Pilot nicht übers Wetter informiert?


Trotz dieser Einschränkungen verläuft der Flug nach Warschau-Babice ohne besondere Vorkommnisse. Thomas L. tauscht die Gefahrgutbehälter Minuten nach der Landung gegen leere aus und startet schon 15.47 Uhr, zehn Minuten später, zurück in Richtung Strausberg. Der kurze Aufenthalt in Warschau ist für die Ermittler ein Indiz dafür, dass sich der Pilot nicht noch einmal über die aktuelle Wetterlage informiert hat. Auch wenn dem Bericht zufolge ein Mitarbeiter des Strausberger Luftfahrtunternehmens versucht habe, Thomas L. telefonisch zu erreichen, um ihn über die schlechter werdende Wetterlage zu informieren, unterstellt die BfU der Firma eine „unzureichende Sicherheitskultur“, weil schon bei der Flugplanung klar gewesen sei, dass „der Rückflug zumindest teilweise in der Nacht durchgeführt werden musste“.

Was in Strausberg niemand weiß: Pilot Thomas L. steht unter dem Einfluss von Antidepressiva, die in hoher Konzentration in seinem Blut nachgewiesen werden konnten und die ihn nach Einschätzung der Bundesanstalt de facto fluguntauglich machten. Gegenüber dem Fliegerarzt, dem er sich als Pilot jährlich vorstellen musste, habe Thomas L. die regelmäßige Einnahme von Medikamenten verneint. In diesem Zustand steuert der Berliner die Cirrus in Richtung Strausberg und kündigt um 17.23 Uhr die Landung an. Als die Flugleiterin in Strausberg fünf Minuten später nachfragt, ob der Platz bereits in Sicht sei, ist der Pilot auf der Suche nach ihm. Es ist der letzte Kontakt – abgesehen von einem Notsignal, das die Flugüberwachung in Münster empfängt.

Mehr als 400 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst und Bundeswehr durchkämmen Stunden später die Gegend rund um Strausberg. Erst am nächsten Morgen entdeckt ein Polizeihubschrauber die Trümmer des einmotorigen Flugzeugs inmitten eines Waldgebiets bei Ernsthof – Thomas L. hat den Aufprall nicht überlebt. Die Maschine hatte in der Dunkelheit die Baumwipfel gestreift, wobei beide Tragflächen abrissen. Thomas L. wähnte sich beim Landeanflug 50 Meter höher als tatsächlich geflogen, was laut BfU auf nicht angepasste Einstellungen im Höhenmesser zurückzuführen war.

Für den Luftfahrtexperten Jan Brill liegt das Übel schon vor dem Start: Einen einzelnen Piloten mit einem halb funktionsuntüchtigen Flugzeug auf einen solchen Flug zu schicken, grenze an ein Himmelfahrtskommando, urteilt der Chefredakteur von „Pilot und Flugzeug“.

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