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Diktatur-Gedenkstätte : Ort des Grauens mitten in Potsdam

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Lange Zeit fristete die Gedenkstätte Lindenstraße ein Schattendasein. Jetzt soll eine Stiftung das Haus beleben

svz.de von
erstellt am 17.Feb.2016 | 05:00 Uhr

Die Potsdamer Diktatur-Gedenkstätte „Lindenstraße“ wird ab sofort als Stiftung betrieben. Das Land Brandenburg und die Stadt Potsdam erklärten am Montag, dass sie die Arbeit des geschichtsträchtigen Hauses künftig zu gleichen Teilen mit insgesamt 600 000 Euro pro Jahr unterstützen.

Uta-Ulrike Gerlant, Jahrgang 1965, ist ganz in der Nähe aufgewachsen. Als kleines Mädchen hat sie die Uniformierten ein- und ausgehen sehen, den Ort als „unheimlich“ empfunden. Im November 1983 schließlich wurde ein guter Freund von ihr im „Lindenhotel“ eingesperrt, weil er im Rahmen der Aktion „Schweigen für den Frieden“ gegen die Stationierung von Atomraketen in der DDR protestiert hatte. „Zwei Jahre später war er tot. Selbstmord“, erzählt Gerlant, während sie durch den Zellentrakt des einstigen Stasi-Untersuchungsgefängnisses in der Potsdamer Innenstadt läuft.

Für die Historikerin schließt sich ein Kreis. Nach Engagements in internationalen Aufarbeitungs-Projekten und zuletzt der NS-Zwangsarbeiter-Stiftung kehrt sie in ihre Heimatstadt zurück, um einen bundesweit einmaligen Erinnerungsort, mit dem sie auch persönlich etwas verbindet, aus dem Dornröschenschlaf zu holen.

Während in die Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen jedes Jahr mehr als 400 000 Besucher strömen, fanden im vergangenen Jahr gerade einmal 20 000 Menschen den Weg in die Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße. Und das liegt sicher nicht daran, dass es hier weniger zu sehen gibt, dass der Ort nicht so viel hergibt.

Das Problem war bislang, dass die Gedenkstätte kaum auf sich aufmerksam gemacht hat. So gibt es derzeit weder einen ansprechenden Internet-Auftritt noch Schilder, die in der Potsdamer City den Weg zum früheren Ort des Grauens weisen würden.


Ein Steinwurf von der Bummelmmeile


Selbst wenn man unmittelbar vor der barocken Hausfassade steht, einen Steinwurf von Potsdams Bummelmeile Brandenburger Straße entfernt, kann man die Pforte zur Gedenkstätte leicht übersehen. Ein kleines Schild und ein im Trottoire eingelassener Schriftzug – weitere Hinweise gibt es nicht.

Das soll nun alles anders werden. Lange haben das Land und die Stadt um Konzept und Finanzierung jener Stiftung gerungen, die die Gedenkstätte bei Brandenburgern und internationalen Touristen bekannter machen soll. Mit konkreten Zielvorgaben hält sich die neue Leiterin des Hauses zurück, aber ein gut besuchter Ort ähnlich wie die Berliner Stasi-Gedenkstätte zu werden, „das ist ein Anreiz“, betont Uta-Ulrike Gerlant.

Die besondere Bedeutung des Hauses liegt darin, dass sich unterschiedliche Regime hier quasi die Klinke in die Hand gaben. Errichtet um 1737 als Quartier für die königliche Leibgarde war es unter Napoleon Pferdelazarett und ab 1820 Stadtgericht und Gefängnis. Die Nazis siedelten hier ab 1935 das sogenannte Erbgesundheitsgericht an, vor dem über die Zwangssterilisation von Menschen entschieden wurde.

Ab 1939 wurden auch politische Häftlinge eingesperrt. Eine Nutzungsart, an der die russischen Besatzer ab 1945 festhielten. Tausende Deutsche wurden in dem Geheimdienstgefängnis zum Tode oder zur Arbeit im Gulag verurteilt. Im Jahre 1953 übernahm schließlich das Ministerium für Staatssicherheit die Haftanstalt. Bürgerrechtler und Künstler wurden ebenso eingesperrt wie angebliche Spione und Hetzer. Schon die „Beeinträchtigung staatlicher und gesellschaftlicher Tätigkeit“ war Grund genug, Menschen zu kriminalisieren und in der Lindenstraße unter unmenschlichen Bedingungen gefangen zu halten.

Von all dem soll künftig erzählt werden. Diese vielen historischen Schichten darzustellen, sei eine große Herausforderung, betont Uta-Ulrike Gerlant. „Es ist ein sehr authentischer Ort.“ Die Leiterin der Stiftung ruft frühere Insassen oder deren Angehörige auf, ihre Geschichten zu schildern. Für viele Betroffene werde es eine Genugtuung sein, den Aufschwung des Erinnerungsortes zu erleben, ist sie überzeugt. Bis allerdings wirklich etwas passiert, werden noch ein paar Monate ins Land gehen. Im Sommer tritt Gerlant ihren neuen Posten an.

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