Illegales Feuerwerk : „Oft müssen wir amputieren“

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Die sogenannten „Polenböller“ können verheerende Auswirkungen haben.

Ein Unfallchirurg berichtet von Verstümmelungen durch illegales Feuerwerk.

svz.de von
30. Dezember 2013, 22:00 Uhr

„Wer kein Blut sehen kann, der sollte jetzt wegschauen“, sagt Professor Andreas Eisenschenk bevor er die Fotos an die Wand wirft. Zu sehen sind völlig zerfetzte Hände, verstümmeltes Fleisch, dem die Wucht der Explosion die Haut abgezogen hat, dazu ausgerissene Finger, die nur noch an Sehnen hängen. Die Bilder sind so furchtbar, dass zwei Kameramänner bleich werden und sich setzen müssen.

Es ist die alljährliche Pressekonferenz der Bundesanstalt für Materialforschung (BAM) in Zehlendorf, auf der die Prüfer traditionell kurz vor Silvester vor illegalem Feuerwerk warnen. Um zu zeigen, was die sogenannten Polenböller anrichten können, haben sie diesmal den Chefarzt der Abteilung für Hand- und Replantationschirugie des Unfallkrankenhauses Marzahn eingeladen. Zu ihm in die Abteilung werden Verletzte von Dresden bis zur Ostseeküste geflogen, die schwere Unfälle mit Knallzeug haben. „Manchmal ist die ganze Hand ab, manchmal sind einzelne Finger zu retten“, berichtet Eisenschenk.

Im vergangenen Jahr zählte er 25 solcher Fälle. Dazu kamen rund hundert mit leichteren Verletzungen wie Verbrennungen oder Löchern im Trommelfell. Vor allem viele Kinder landen auf seinem Operationstisch. Bei den ganz schweren Unfällen operieren wechselnde Teams manchmal bis zu anderthalb Tagen am Stück. „Viele Patienten denken, man könne die abgerissenen Finger leicht wieder annähen. Doch oft müssen wir amputieren“, erklärt der Mikrochirurg. Zudem gehe das Leben des Patienten vor die Rettung von Gliedmaßen. Ist sein Allgemeinzustand zu instabil, können die Mikrochirurgen ihre Künste nicht anwenden. „Wir dürfen nur operieren, wenn wir den Patienten durch die Narkose nicht gefährden.“

Doch nicht nur die Hände seien häufig betroffen. Viele schwere Verletzungen gebe es auch im Genitalbereich. „Die Leute stecken sich die Feuerwerkskörper zu Silvester in die Hosentaschen“, berichtet Eisenschenk. Weil die Polenböller nicht nur mit unverhältnismäßig viel Schwarzpulver, sondern auch mit dem viel stärkeren Blitzknallsatz gefüllt seien, reiche schon eine geringe Erwärmung, damit sie unkontrolliert explodieren.

Die Feuerwerksartikel, die in Polen erlaubt sind, dürfen in Deutschland nur von Pyrotechnikprofis mit Erlaubnisschein gezündet werden. Verbraucher sollten deshalb beim Kauf auf die vierstellige BAM-Nummer 0589 in Verbindung mit einem CE-Kennzeichen achten, erklären die Prüfer. Feuerwerk mit diesen Aufdrucken wurde staatlich getestet.

Doch auch bei legalem Feuerwerk müsse man nach dem Zünden teilweise bis zu acht Meter Abstand halten. „Es ist die Mischung aus Alkohol, Leichtsinn und Übermut, die trotzdem immer wieder zu diesen extremen Unfällen führen“, sagt Handchirurg Eisenschenk.

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