Toiletten-Historie wird zum Publikumserfolg : Öffentlicher Stuhlgang in Storkow

Melanie Reiche vom Tourismusbüro Storkow zeigt in der Sonderausstellung auf der Burg eine Toilette vom Weltrekord im Achterbahnfahren.
Melanie Reiche vom Tourismusbüro Storkow zeigt in der Sonderausstellung auf der Burg eine Toilette vom Weltrekord im Achterbahnfahren.

Lokus, Leibstuhl und Latrine - eine Ausstellung auf der Burg über Toiletten widmet sich einem Tabuthema und ist ein Besuchermagnet

svz.de von
11. Januar 2018, 05:00 Uhr

Wenn Detlev Nutsch in den weißen Kittel schlüpft, die Mütze aufsetzt und zum Putzeimer mit Toilettenbürste und Klopapier greift, dann ist es wieder Zeit für den „öffentlichen Stuhlgang“ auf der Burg Storkow (Oder-Spree). „Bitte keine Haufenbildung“, mahnt er vielsagend und erntet Gelächter. Seit einem Jahr führt der 62-jährige Schuhhändler als „Toiletten-Fred“ Gäste durch die Sonderausstellung des Kulturzentrums. Sie trägt den provokanten Titel „Drauf geschissen“ und widmet sich der Historie der Toilette von den antiken Anfängen über derbe Donnerbalken bis zu supermodernen Klosetts mit Radio, Massagefunktion und Sitzheizung.

Ursprünglich sollte die Sonderschau ein Jahr lang auf der mittelalterlichen Burg gezeigt werden. Wegen des großen Zuspruchs sei sie bis Anfang Juni verlängert worden, sagt Storkows Tourismusmanager Andreas Gordalla. „Wir hatten bereits mehr als 20 000 Besucher, zum Abschluss werden es wohl doppelt so viele sein, auch dank Toiletten-Fred.“

Tatsächlich sind die zwei „öffentlichen Stuhlgänge“ pro Monat oft schnell ausgebucht, Nutsch wird zusätzlich für Sonderführungen von Firmen und zu Familienfeiern gebucht. Er geht Fragen nach, warum Männer länger auf der Toilette sitzen als Frauen. Oder welche Erfindungen es gibt, wenn keine Toilette zur Verfügung steht. „Das Thema hat mich interessiert, es ist nicht nur unterhaltsam, sondern hat einen ernsten Hintergrund“, so Nutsch, der 1994 aus Berlin zuzog. Als Storkower Nachtwächter ist er eine kleine Berühmtheit im Ort.

„Jeder dritte Mensch weltweit hat keine sichere und saubere Toilette zur Verfügung. Etwa 1000 Kinder sterben täglich an Durchfallerkrankungen, hervorgerufen durch mangelnde Hygiene“, sagt „Toiletten-Fred“ und bezieht sich auf Angaben der German Toilet Organization (GTO). Sie will durch Öffentlichkeit ein Tabu brechen und hat die Storkower Ausstellung unterstützt. „Hygiene hat auch etwas mit Menschenrechten zu tun“, ist Nutsch überzeugt.

Um Besucher aufzuklären und zu sensibilisieren, schlüpft er gern in die Rolle des berlinernden Klomannes, der auch sehr umweltbewusst ist. So erfahren Besucher, dass ein Deutscher durchschnittlich 17 Kilogramm Klopapier pro Jahr verbraucht und weltweit täglich rund 270 000 Bäume für die Klopapier-Produktion gefällt werden.

In der Ausstellung gibt es eine Trocken-Trenn-Toilette, die im Campingbereich derzeit die Chemie-Variante ablöst und deren Vorteile ausführlich erläutert werden. Da Nutsch weiss, wie man Leute unterhält, baut der Hobbymusiker Lieder und Gedichte in seine Führungen ein. Zum Beispiel die Geschichte vom „Ritter Brunzenschütz“, der seine Gegner nicht durch Kampfkunst, sondern durch seine übelriechenden Darmwinde besiegte.

Die Schau kommt an. Das beweisen viele, oft mit Klo-Sprüchen und -Reimen beschriebene Zettel an einer Besucher-Pinnwand. „Total interessant, aber teilweise auch erschreckend“, findet der Cottbuser Gero Twarock die vermittelten Informationen. „Als Kind bin ich selbst noch aufs Plumpsklo gegangen. Schließlich hatten wir damit den besten Dung für den Garten“, erzählt er sichtlich begeistert.

„Das Tolle ist, das uns Gäste weitere Exponate zur Verfügung stellten“, sagt Tourismusmanager Gordalla. Dazu zählen ein Stahlhelm aus dem Ersten Weltkrieg, der zum Jauche-Schöpfer umfunktioniert wurde und eine 12 000 Euro teure Klo-Spezialanfertigung, die für einen Weltrekordversuch in eine Gondel eingebaut wurde.

Eine Storkower Sanitär-Firma hat eine nagelneue Hock-Toilette beigesteuert. „Es ist kaum bekannt, dass diese Variante weltweit häufiger vorkommt als die uns geläufige Sitz-Variante“, berichtet Nutsch und verweist darauf, dass die Hock-Stellung für den Darm weitaus gesünder sei.

Mit dem Ende der Storkower Toilettenschau am 4. Juni werden laut Gordalla Leihgaben an ihre Besitzer oder Verleiher zurück gegeben. Alle anderen Ausstellungsstücke sollen versteigert werden: Klopapierrollen mit dem Konterfei von Hillary Clinton und Donald Trump aus dem US-Wahlkampf, witzige Postkarten, die sich der „Donnerbalkenromantik“ widmen, Nachttöpfe und Bettpfannen. Der Erlös geht an die GTO für Aufklärungsarbeit.

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