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Direktvermarktung in Brandenburg : „Nur regional reicht nicht“

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Kai Rückewold, Geschäftsführer des Verbands „pro agro“, spricht im Interview über Direktvermarkter, Qualität und Vertriebsprobleme

svz.de von
erstellt am 26.Okt.2017 | 08:00 Uhr

Zum zehnten Tag der Direktvermarktung und des Ernährungshandwerks haben sich in dieser Woche Landwirte und Handwerker getroffen. Ina Matthes fragte Kai Rückewold, Geschäftsführer des Agrar-Marketingverbandes pro agro, wie Kunden und regionale Anbieter zueinander kommen.

Herr Rückewold, wer sind denn die Brandenburger Direktvermarkter. Hauptsächlich Bio-Bauern?

Nein, nicht nur. Es sind alle, die etwas erzeugen und verkaufen. Das können Landwirte mit einem Hofladen sein, kleine Betriebe, die speziellen Senf oder Marmeladen herstellen, Bäcker oder Agrargenossenschaften, die selbst verarbeiten und Fleischereien betreiben.


Wie hat sich die Direktvermarktung im Land entwickelt in den vergangenen Jahren?

Wie viele Direktvermarkter wir haben, lässt sich schwer sagen. Wir schätzen, dass es 300 Hofläden in Brandenburg gibt. Es kommen aber immer wieder neue Betriebe dazu. Das Thema Direktvermarktung wird attraktiver. Wir sehen, dass Primärerzeuger anfangen, zu veredeln und zu verkaufen. Also der Obstbauer verkauft nicht nur Früchte, er bietet auch Marmeladen und Sirup an und versucht, damit selbst an die Kunden zu kommen.


Warum wird das Thema attraktiver?

Es wird viel über regionale Produkte gesprochen. Das ist eine Chance, Umsatz zu generieren. Gerade die kleinen Betriebe sind nahe an ihren Kunden, können zeigen, wie sie produzieren. Es gibt eine aktuelle Studie aus der Schweiz die besagt, dass Kunden Herkunft von Produkten höher bewerten als eine Marke. Allerdings: Nur mit Regionalität werben, reicht nicht. Man muss auch mit hoher Qualität punkten. Nur dann ist Regionalität glaubwürdig. Und ein Bonus.


Wie gut kommen denn die kleinen Erzeuger an ihre Kunden heran?

Gerade kleine Unternehmen brauchen Unterstützung beim Vertrieb. Viele haben einen Hofladen oder verkaufen auf Wochenmärkten. Aber wenn es darum geht, an Wiederverkäufer heranzutreten, an Restaurants oder an Handelsketten, dann ist der enorme Aufwand für den einzelnen Betrieb oft nicht mehr zu leisten. Die Unternehmen sind verstreut im Land. Viele sind gegenwärtig noch darauf angewiesen, dass sie entdeckt werden.


Wie ließe sich das ändern?


Eine Möglichkeit wäre, für mehrere Unternehmen gemeinsam einen Vertriebsmitarbeiter einzustellen, der den Betrieben hilft, bekannt zu werden und sich zum Beispiel bei Märkten vorzustellen.
Bekannt zu werden versuchen doch schon viele über Webseiten oder Flyer...
Das reicht nicht. Man braucht Menschen, die durchs Land ziehen und Produkte anbieten. Wenn man in einem Markt dauerhaft gelistet bleiben will, dann muss man dort auch Verkostungsaktionen anbieten, ständig im Blick der Kunden sein. Da wollen wir auch als Verband, vielleicht gemeinsam mit dem Brandenburger Landwirtschafts-Ministerium, überlegen, wie wir helfen können.


Berlin gilt als ein Markt mit großem Potenzial für Direktvermarkter. Gilt das auch für kleine Erzeuger? Oder sind die Mengen, die sie an Berliner Märkte liefern müssen, am Ende für viele zu groß?


Die Nachfrage in Berlin ist auf alle Fälle da. Der Handel sucht regionale Produkte. Er hat eher ein Beschaffungsproblem als einen Vermarktungsnotstand. Jeder Erzeuger muss für sich entscheiden, was für ihn passt. Wie viele und welche Märkte er beliefern will und kann. Und auch dafür braucht er wiederum Partner in Berlin.


Brandenburger haben manchmal den Eindruck, was hier produziert wird, geht nach Berlin und sie schauen in die Röhre...


Die Menschen, die auf dem Land leben, wissen schon, wo sie etwas kaufen können. Andererseits müssen die Betriebe auch schauen, wo viele Menschen mit einer höheren Kaufkraft wohnen und das sind Berlin und der Speckgürtel. Die Betriebe produzieren oft kleinere Mengen mit höherem Aufwand und da sind die Erzeugnisse etwas teurer.


Sind die Kunden bereit, für regionale Produkte mehr zu zahlen?


Viele sind bereit, für regionale Produkte etwa zehn bis 20 Prozent mehr zu bezahlen. Das trifft für etwa ein Drittel der Kunden zu.
Für Kunden ist es mühselig, Produkte bei vielen kleinen Anbietern zu kaufen.

Warum gibt es keine zentrale Plattform im Internet, wo man Brandenburger Produkte bestellen kann?


Das ist ein schwieriges Thema. Ich habe schon viele solcher Plattformen kommen und gehen sehen. Sie sind alle an der Logistik gescheitert. Wenn mehrere Erzeuger zusammengehen, dann braucht man ein gemeinsames Lager, man muss die Lieferungen koordinieren. Das ist ein Thema für die Zukunft.

Vielen Dank.

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