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Potsdam/Prignitz : Notarzt-Börse: Der Preis steigt

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Rettungsdiensten stehen immer weniger Mediziner zur Verfügung. Durch ein Gerichtsurteil droht Verschärfung der Lage

Ohne Notärzte läuft im Rettungsdienst nichts. Doch es gibt im ländlichen Raum Brandenburgs zunehmend Probleme, die Dienstpläne zu besetzen. Oft helfen Mediziner auf Honorarbasis aus. Dies wird jedoch nach einem Urteil des Bundessozialgerichts erschwert.
Wenn wieder einmal Lücken in den Dienstplänen klaffen, wählen die Leiter der Rettungsdienste eine Telefonnummer in Schleswig-Holstein. Dort, im 400-Seelen-Ort Pogeez, werden die oft dringend benötigen Mediziner in entlegene Landkreise vermittelt. Die Firma nennt sich „Notarzt-Börse“, zählt rund 4900 Mitglieder und vermittelt jährlich rund 15 000 Einsätze.

„In Brandenburg haben wir derzeit besonders viel zu tun“, sagt Olaf Björk von der Geschäftsführung des Unternehmens. „In Spremberg, Forst, Falkensee, Märkisch-Oderland, wir haben viele Stammkunden.“ Mehr als 600 Anforderungen habe man im vergangenen Jahr aus der Mark erhalten. Dabei regelt die Nachfrage den Preis.

Tatsächlich erinnert der Service an eine Börse: „Wir schreiben Dienste aus, nennen die Bezahlung, dann können die Ärzte mit einem Klick im Computer oder auf dem Smartphone zugreifen“, sagt Björk. Grundlage des Geschäftsmodells sind Mängel im System. „Wir schaffen das, was Minister Gröhe nicht schafft: Wir sichern die ärztliche Versorgung im Rettungswesen.“
Zwar sind die Landkreise und kreisfreien Städte in Brandenburg für den Rettungsdienst zuständig. Für die Bereitstellung von Notärzten, die eine zweijährige Zusatzqualifikation absolviert haben müssen, sind die Kliniken verantwortlich. Daher sind Notärzte nur in Einzelfällen beim Rettungsdienst angestellt. Zumeist gehen sie einer Teilzeit-Beschäftigung in den Krankenhäusern nach und fahren auf freiberuflicher Basis die Einsätze.
Doch auch dieses System der Honorar-Notärzte ist bedroht. Nach einem Urteil des Bundessozialgerichts, das sich auf den Rettungsdienst im Kreis Mecklenburgische Seenplatte bezieht, wird diese Tätigkeit als Scheinselbstständigkeit eingestuft. Geklagt hatte die Deutsche Rentenversicherung. Die Entscheidung führt nunmehr dazu, dass die Notärzte fest angestellt werden müssen. Das heißt auch, dass sie erst einmal angeworben werden müssen, was sich äußerst schwierig gestaltet.

„Das Urteil ist falsch“, sagt Björk und fordert eine politische Lösung. Nach seinen Aussagen gab es schon ein Treffen zu der Problematik im Bundesgesundheitsministerium. In den vergangenen Tagen hätten ihm schon Ärzte mitgeteilt, dass sie wegen der Bürokratie als Notärzte ausscheiden.
Die schwierige Situation bestätigt Armin Viert, Geschäftsführer des Rettungsdienstes Märkisch-Oderland. „Wenn jemand ausfällt, wird es richtig eng.“ Im vergangenen Winter war dies der Fall, als eine Ärztin wegen eines Skiunfalls langfristig krankgeschrieben war. „Dann musste ich rotieren.“ Als letzte Alternative bleibt Viert, die Börse zu kontaktieren. Die Kosten sind hoch: Bei sehr kurzfristigen Fällen würden bis zu 80 Euro fällig.

Dabei hat der Rettungsdienst schon alles versucht: Das Unternehmen finanziert teilweise die Ausbildung, wenn sich die Mediziner drei Jahre an den Rettungsdienst binden. Der Krankenhausgesellschaft bot er an, das Gehalt für neue Ärzte mitzufinanzieren, um dadurch die Lücken in den eigenen Dienstplänen zu schließen. „Das Grundproblem bleibt: Es gibt diese Ärzte nicht.“ Ebenso berichtet Viert über Probleme mit der Rentenversicherung. Ein erster Fall, bei dem das Beschäftigungsverhältnis eines Arztes angegriffen wird, komme bald vor Gericht.
Engpässe gibt es auch in anderen Kliniken. Vor allem in der Urlaubszeit müsse man an den Standorten Forst (Spree-Neiße) und Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark) auf Honorarkräfte zurückgreifen, sagt Dagmar Hunsmann, Sprecherin des Ernst-von-Bergmann-Klinikums. Arne Teschner, Chefarzt im Wittstocker Klinikum und Vize-Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Brandenburg Notärzte, berichtet, dass fünf Kollegen in seinem Haus monatlich 30 Schichten im Rettungsdienst abdecken müssen. „Das reicht nicht.“ Andere Vertreter berichten, dass bei zwei zeitgleichen Einsätzen ein Notarzt per Rettungshubschrauber aus einem anderen Standort eingeflogen werden muss.

Prignitz hat eigenen Verein

Vergleichsweise unproblematisch mutet die Situation derzeit in der Prignitz an. Hier gibt es den Verein Notärzte Prignitz e. V. Etwa 40 Notärzte sind für die Menschen in der Prignitz an drei Standorten im Einsatz.

Diese Zahl nennt Lutz Dieckmann, Leiter des Vereins. Hinzu komme die Hubschrauberstaffel von Christoph 39 und ein ständig diensthabender leitender Notarzt. Im Extremfall könnten fünf Notärzte gleichzeitig alarmiert werden.

Ulrich Schwille, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes Oder-Spree, erwartet zunehmende Besetzungsprobleme. „Ohne das Honorar-Modell würde es gar nicht funktionieren“, sagt er.

Dabei verweist der Intensivmediziner auf gesetzliche Vorgaben, wodurch die wöchentliche Arbeitszeit der Ärzte auf 48 Stunden begrenzt wird.

Dieser Rahmen sei in vielen Kliniken ausgereizt. Schwille wirft der Politik vor, die Sicherstellung der Versorgung schleifen zu lassen. „Hier kann der Staat direkt eingreifen, aber er tut es nicht.“
Dagegen haben Häuser im Berliner Umland keine Probleme: „Wir verfügen über einen Bestand von 100 Notärzten“, sagt Frank Mieck, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes Dahme-Spreewald. Man helfe sich gegenseitig aus.

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