Tausende Verdachtsfälle : Noch hunderte Tonnen Kampfmittel im Boden

Oranienburg: Eine entschärfte Fliegerbombe hängt am Kranhaken, und das war nicht die letzte. Auch 73 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs kommt Brandenburg in Sachen Munitionsfunde nicht zur Ruhe.
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Oranienburg: Eine entschärfte Fliegerbombe hängt am Kranhaken, und das war nicht die letzte. Auch 73 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs kommt Brandenburg in Sachen Munitionsfunde nicht zur Ruhe.

Brandenburg kommt in Sachen Munitionsfunde aus dem Zweiten Weltkrieg nicht zur Ruhe.

svz.de von
06. Februar 2018, 05:00 Uhr

Mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs liegen in Brandenburg noch immer unzählige gefährliche Kampfmittel im Boden. Im vergangenen Jahr seien 280 Tonnen Kampfmittel in Brandenburg entdeckt worden, sagte ein Sprecher des Potsdamer Innenministeriums. 235 Tonnen davon seien fachgerecht vernichtet worden. Rund 12,6 Millionen Euro habe das Land für Entschärfungen und Sprengungen aufbringen müssen.

Die Spezialisten untersuchten den Angaben zufolge 4500 Verdachtsfälle, die Grundstückseigentümer geäußert hatten. Der sogenannte Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) sei zudem rund 3000 mal wegen beunruhigender Funde ausgerückt. Neben den militärisch genutzten Arealen stehen dem Sprecher zufolge noch 350 000 Hektar zivil genutzter Fläche unter Kampfmittelverdacht. Lokale Schwerpunkte bildeten nach wie vor Oranienburg, Potsdam, die Oder-Neiße-Linie und Bereiche südlich Berlins.

Komplikationen habe es im vergangenen Jahr nicht gegeben. „Der Krieg hat einen langen Atem. Er kann auch über 70 Jahre nach seinem Ende noch immer töten. Umso dankbarer bin ich, dass alles gut gegangen ist“, erklärte Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD).

Zu Zwischenfällen ist es seit 1991 auch bei den 180 entschärften oder gesprengten Großbomben in der Landeshauptstadt Potsdam nicht gekommen. Zuletzt war im Nuthepark gegenüber dem Hauptbahnhof eine 250-Kilogramm-Sprengbombe amerikanischer Bauart entschärft worden. Erst am Freitag hatte der Landtag in Potsdam gefordert, dass der Bund sich auch langfristig an den Kosten für die Beseitigung der Bomben beteiligt.

Besondere Herausforderungen für die Einsatzkräfte stellen die Evakuierungen von Wohngebieten dar, sagte Potsdams Stadtsprecher Jan Brunzlow. Auch die Evakuierung von Krankenhäusern, wie sie beispielsweise im Jahr 2005 bei der Entschärfung einer amerikanischen Fliegerbombe auf dem Gelände des Ernst-von-Bergmann-Klinikums nötig gewesen sei, gestalte sich schwierig. „Wir brauchen zum Transport zahlreiche Krankenwagen, müssen aber gleichzeitig den Notdienst am Laufen halten.“ Problematisch seien einzelne Bürger, die nicht rechtzeitig ihre Wohnungen verlassen würden. „Solche Zwischenfälle verzögern den reibungslosen Ablauf“, sagte Brunzlow. Krisenstab und Sprengstoffspezialisten hätten die Pflicht, dafür zu sorgen, dass das Gebiet vollständig geräumt werde. „Wer sich weigert, wird aus der Wohnung geholt und bekommt den Einsatz in Rechnung gestellt“, erklärte der Sprecher.

Die Kosten für Vorbereitungen wie Baumfällungen, die Grundwasserhaltung, die Evakuierung und die Wiederherstellung beschädigter Flächen durch Pflasterarbeiten oder Grubenverfüllung tragen die Kommunen, wie Oranienburgs Stadtsprecherin Eike-Kristin Fehlauer sagte. Diese würden pro Entschärfungsmaßnahme zwischen 200 000 Euro und 250 000 Euro liegen. Darin seien noch nicht die Kosten enthalten, die Oranienburg für die systematische Suche nach Kampfmitteln entstünden. Oranienburg hat immer wieder die Schlagzeilen wegen der Entschärfung von Weltkriegsbomben beherrscht. Der Sprecherin zufolge sind seit der Wende mehr als 200 Bomben unschädlich gemacht worden, 270 Blindgänger würden derzeit noch im Boden vermutet. 19 Evakuierungsmaßnahmen habe es seit 2013 in der Stadt für die Entschärfung von Bomben gegeben. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs seien gut 10 500 Großbomben über Oranienburg abgeworfen worden. Der schwerste Angriff ereignete sich am 15. März 1945, als fast 5000 Bomben auf die Stadt fielen.

Ein Ende der Entschärfungseinsätze ist angesichts der großen Mengen im märkischen Boden zunächst nicht absehbar. „Bei uns sind die Abläufe beinahe schon automatisiert“, sagte Brunzlow mit Blick auf weitere Maßnahmen im Nuthepark. Und auch der Innenminister bemerkte dazu: „Bombenfunde werden uns leider auch in Zukunft nicht erspart bleiben, darauf müssen wir uns einstellen.“

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