Märkische Quereinsteiger mit Einstufungsproblemen : Neu-Lehrer proben den Aufstand

Ohne Quereinsteiger würde in Brandenburgs Schulen mehr Unterricht ausfallen. Ein Problem ist die Einstufung.
Ohne Quereinsteiger würde in Brandenburgs Schulen mehr Unterricht ausfallen. Ein Problem ist die Einstufung.

Probleme mit der Gehaltseinstufung von Quereinsteigern / Rückforderungen verärgern junge Pädagogen in Brandenburg

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16. März 2018, 05:00 Uhr

Jeder vierte Brandenburger Neu-Lehrer hat nicht die übliche Ausbildung. Tendenz steigend. Seit Jahren kritisieren diese Seiteneinsteiger immer wieder, dass man sie verheize und schlecht bezahle. Nun wurde einigen von ihnen sogar nachträglich noch einmal das Gehalt gekürzt. Der Protest wird lauter.

Torsten Schmitz ist Klassenlehrer an einer Brandenburger Grundschule. Mathe, Deutsch, Sachkunde, Geschichte und Geografie kann er unterrichten, je nach Bedarf. Ein Studium der Volkswirtschaftslehre und der Sozialwissenschaften liegt hinter ihm. Man könnte meinen, dass er für seinen jetzigen Posten überqualifiziert ist.

Torsten Schmitz, der in Wahrheit anders heißt, aber mit seinem Bericht keine Unruhe an seiner Schule schüren möchte, wollte jedoch einen Wechsel. Er verspüre „eine hohe Motivation“, Kindern etwas beizubringen, sagt er. Also bewarb er sich zum Beginn des laufenden Schuljahres auf eine Stellenanzeige.

Als Vater von zwei Kindern, der seine Miete bezahlen muss, rechnete er die Sache natürlich durch. Die Stelle war als E11 ausgeschrieben, rund 3150 Euro brutto im Monat. Das passt, sagte sich Schmitz. Beim Einstellungsgespräch gab es den ersten Dämpfer. Da er keinen Lehramtsabschluss hat, komme für ihn nur E10 in Frage, also 3000 Euro.

Schmitz sagte dennoch zu und hängte sich voll rein. Inklusive Arbeit an den Abenden, an den Wochenenden, in den Ferien. „Ich muss jede Stunde zum ersten Mal vorbereiten, ich besuche Qualifizierungskurse, und als Klassenlehrer bin ich natürlich auch nach Unterrichtsschluss ansprechbar“, schildert er sein Pensum.

Anfang dieses Jahres dann der Schock per Post. Das Schulamt schreibt, dass es ihn falsch eingestuft habe. Ihm stehe nicht E11 und nicht E10, sondern lediglich E9 zu, also 2700 Euro, noch einmal 300 Euro weniger. „Weil ich in den Augen des Amtes nicht die passende Fächer-Kombination studiert habe“, gibt Schmitz den Tenor des Schreibens wieder. Dessen nicht genug: Er muss sogar 1800 Euro zu viel erhaltenes Geld zurückzahlen. Niemand habe ihn bei der Einstellung darüber informiert, dass so etwas passieren könne.

Der Frust sitzt tief. „Ich fühle mich überrumpelt. Für dieses Geld hätte ich den Vertrag nicht unterschrieben“, sagt Schmitz. „Das Land braucht die Seiteneinsteiger, und das sind zumeist gute Leute. Wie kann man uns so behandeln?“, fragt sich Schmitz.

Er ist kein Einzelfall. In seinem Qualifizierungskurs hätten 20 Prozent der Kollegen entsprechende Post bekommen, sagt er. Schmitz will sich nun mit anwaltlicher Hilfe gegen die Zurückstufung wehren. Außerdem haben sich er und seine Mitstreiter mit einem offenen Brief an die Öffentlichkeit gewandt, in dem sie ihre Arbeit und die an sie gestellten Anforderungen beschreiben, und sie der Entlohnung und dem Umgang mit den Seiteneinsteigern gegenüberstellen. „Wir verdienen Respekt, stattdessen werden wir bei schlechter Bezahlung verheizt“, kritisiert Schmitz. „Es gibt keine Zukunftsplanung, kein Konzept, wie wir zu vollwertigen, anerkannten Lehrern werden können.“

Im Bildungsministerium versteht man die Aufregung nicht. „Die große Mehrheit der neuen Kollegen wurde korrekt eingestuft“, sagt Sprecher Ralph Kotsch. Die Arbeitsbelastung in den Schulämtern sei hoch. Es sei zulässig, Zweifelsfälle innerhalb eines halben Jahres noch einmal zu überprüfen und gegebenenfalls Korrekturen vorzunehmen. „Wir haben auch einige hochgestuft.“ Wie viele Lehrer nun weniger bekommen, könne er nicht sagen. „Das erfassen wir nicht.“ Eine Entschuldigung des Ministerium an die betroffenen Kollegen lehnt Kotsch ab. „Aber wir wissen, dass das nicht schön ist. Es soll nicht wieder vorkommen. Künftig werden wir die Kandidaten im Zweifelsfall zunächst niedriger einstufen.“

Die Frage wird sein, ob das Land auf diese Art gute Leute gewinnt. Für das kommende Schuljahr werden 1000 neue Lehrer gesucht. Bislang habe man 500 Zusagen, darunter 180 Quereinsteiger, so der Ministeriumssprecher. Stand jetzt, erhöht sich also der Anteil der Seiteneinsteiger unter den Neu-Lehrern auf 36 Prozent.

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