Altpapier : Nachschub von jenseits der Grenze

Weil immer weniger Zeitschriften gekauft werden, wird das begehrte weiße Altpapier knapp.
Weil immer weniger Zeitschriften gekauft werden, wird das begehrte weiße Altpapier knapp.

Die Fabriken im Osten Deutschlands suchen ihr Heil im Ausland.

svz.de von
23. Dezember 2013, 08:30 Uhr

Wenn die Deutschen über die Feiertage ihre Geschenke auspacken oder zum Jahreswechsel mit Sekt anstoßen, achten sie selten auf die Verpackungen. Die mit weißem, bedrucktem Verpackungspapier versehenen Kartons für Computer, Stereoanlagen, Textilien oder Sektflaschen kommen meist von der Papierfabrik Hamburger Rieger. Das Unternehmen ist europäischer Marktführer bei diesen hochwertigen Oberflächenpapieren, die in Werken im brandenburgischen Spremberg, im bayerischen Trostberg sowie in Österreich und Ungarn produziert werden.

„Die Verpackung dient immer stärker als Werbeträger, und wir schwimmen auf dieser Welle“, sagt Geschäftsführer Andreas Noss. Begehrter Rohstoff für die Papierproduktion ist vor allem Altpapier, und das wird bei einigen Sorten immer knapper. Allein Hamburger Rieger benötigt pro Jahr rund 500 000 Tonnen Altpapier für beide deutsche Werke. „Die braunen Verpackungsabfälle werden im Radius von etwa 300 Kilometern gesammelt, für unsere Fabrik im Spremberger Industriegebiet Schwarze Pumpe auch in Polen und Tschechien“, erklärt Noss. „Hier funktioniert der Kreislauf gut“. Für problematisch hält er jedoch die Lage bei weißem Altpapier, da ist der Markt härter umkämpft. Eine Tonne weißes Altpapier kostet etwa fünfmal mehr als eine Tonne von dem braunen Rohstoff. „Von den weißen Sorten Altpapier gibt es weniger, deshalb müssen wir europaweit sammeln, auch in den USA.“

Grund für diesen Trend ist aus Sicht des Verbandes Ostdeutscher Papierfabriken (VOP) ein Strukturwandel in der Papierindustrie. „Das Medienverhalten der Menschen hat sich mit der Verbreitung des Internets verändert“, bemerkt Verbands-Geschäftsführer Bernd Gunkel. „Weil immer weniger Menschen Zeitungen und Zeitschriften lesen, sinkt der Anteil grafischer Papiere am Altpapier.“ Dies zwingt dazu, die Sammelmethoden zu verbessern und den Radius zu erweitern. Derzeit liegt die Recycling-Quote des Rohstoffes in Europa bei rund 70 Prozent, in Deutschland sogar bei fast 80 Prozent.

Wie der VOP berechnet hat, werden im Osten Deutschlands pro Jahr vier Millionen Tonnen Altpapier verbraucht. Ein Teil davon muss importiert werden. „Wir sind neue Wege gegangen und holen uns diesen Rohstoff auch aus Ost- und Südeuropa“, berichtet Geschäftsführer Markus Rudersdorf von der Leipa Georg Leinfelder GmbH in Schwedt/Oder. Das Unternehmen produziert Magazinpapiere für Zeitschriften und Kataloge.

Jährlich 1,3 Millionen Tonnen Altpapier braucht die Progroup AG allein für ihre Papierfabrik in Eisenhüttenstadt an der Oder - die größte Europas - und eine kleine Fabrik in Burg (Sachsen-Anhalt). „Wenn die Papierindustrie auf dem heutigen Niveau bleibt, werden sie auch weiterhin stabil mit Altpapier versorgt werden können“, ist sich der Vorstandsvorsitzende Jürgen Heindl sicher. „Der Aufbau neuer Kapazitäten wird aber europaweit zu Mengenverschiebungen führen.“

Mit einem Jahresumsatz von 2,7 Milliarden Euro blieb die ostdeutsche Papierbranche nach Verbandsangaben seit 2011 stabil, im Westen ist der Umsatz aber fünfmal höher. In den Ost-Unternehmen der Branche sind rund 6500 Mitarbeiter tätig. Den Spitzenplatz hält der traditionsreiche Industriezweig in Sachsen mit 3000 Mitarbeitern, gefolgt von Brandenburg mit 1250 und Thüringen mit 1080. In Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern, wo es jeweils nur eine Papierfabrik gibt, sind 1160 Mitarbeiter beschäftigt.

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