Dorfentwicklung : Nachhaltig, gemeinsam, unkompliziert

Heike Nicolaisen und Julia Burger mit den Tassen, die im Sinne der Nachhaltigkeit, ausgeliehen werden können.
Heike Nicolaisen und Julia Burger mit den Tassen, die im Sinne der Nachhaltigkeit, ausgeliehen werden können.

Im Havelländischen Schönwalde arbeitet ein Verein an mehr Nachhaltigkeit im Dorf

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18. Februar 2020, 05:00 Uhr

Am Anfang stand eine inspirierende Laufrunde. Heike Nicolaisen joggte durch Schönwalde-Glien, einen Ort am Berliner Stadtrand. Sie lief an gepflegten Hecken, Jägerzäunen und schmiedeeisernen Toren vorbei, erhaschte hier und da einen Blick. „Überall schöne Häuser mit schönen Gärten und wo sitzen die Leute? Drinnen, allein vor dem Fernseher“, erzählt Heike Nicolaisen, was sie dabei so alles sah. Und sie stellte sich die Frage: Warum sind die Leute allein, warum sitzen sie nicht zusammen?

Die gesellige Frau, berufstätige Mutter, verabredet sich gern nach Feierabend mit Freunden. Mit einigen anderen Müttern aus der Schule traf sie sich regelmäßig, kochte, probierte zusammen Rezepte aus und setzte sich in fröhlicher Runde zum Essen zusammen. Nicolaisen sagt, sie genoss diese Treffen und hatte doch das Gefühl, mit den Freundinnen ließe sich noch mehr erreichen, als gemeinsame Kochabende.

Zwischen Schnippeln, Rühren und Abschmecken, sprach sie den Gedanken aus und war erstaunt. Alle stimmten zu. „Es war fast so als sage ich nur, was alle anderen dachten“, erinnert sich Nicolaisen an diesen Moment zurück. Das ist nun fast zwei Jahre her und könnte als die Geburtsstunde der Initiative „Schönwalde im Wandel“ gelten, die im Rahmen der Bewegung „Transition Town“ agiert. Hierbei handelt es sich um eine 2006 gegründete Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiative, die in Städten und Gemeinden der westlichen Welt aktiv ist.

Nachhaltigkeit, Gemeinschaft, niedrigschwellige Bildungsangebote besonders für Kinder könnte man als die drei Hauptthemenfelder benennen, in denen die sechzehn Mitglieder aktiv sind. Wobei die überwiegend weiblichen Mitglieder von ihren Lebenspartnern unterstützt werden. Auch die Kinder sind bei der einen oder anderen Aktion dabei.

Im Verein wollen die Frauen zum Selberherstellen und Ausprobieren ermutigen. Sie mahlen Mehl selbst und backen daraus Brot. Sie stellen eigenes Waschmittel aus Kernseife, Natron und Orangenöl her. Es wird Tee aus dem eigenen Garten geerntet und getrocknet, Marmeladen gekocht. Taschen werden genäht und Bade-Bomben für ein entspannendes Badeerlebnis hergestellt. Manche Dinge sind in der Anwendung etwas komplizierter, so wie das Deo aus Natron und Kokosöl, dass nach Anwendung erst trocknen muss. Dinge selbst fertigen ist nicht immer einfacher, macht in der Gruppe aber mehr Spaß. Manches wird probiert und für alltagstauglich befunden, anderes nicht. „Wir sind alle berufstätig, die Dinge müssen in den Alltag passen“, so Nicolaisen. Mit anderen Aktionen lässt sich durchaus Zeit sparen.

In Schönwalde gibt es keinen Wochenmarkt. Wer zum Bio-Laden fährt gibt der Gruppe Bescheid und bringt Gewünschtes mit. Auch Bestellungen im Versandhandel werden gemeinsam getätigt. Das spart Verpackung und Anfahrt.

Die Vereinsmitglieder sind inzwischen fester Bestandteil des Schönwalder Gesellschaftslebens. Sie nehmen an Umwelttagen teil, organisieren Vorlesenachmittage für die Kleinsten in der Bibliothek des Ortes. „Es gibt wenig Orte der Begegnung im Dorf. Das wollen wir ändern“, sagt Vereinsmitglied Juliane Manthei. Die Menschen zusammenbringen, die Neuzugezogenen und jene, die deren Familien hier schon seit Generationen leben, das ist auch Alexandra Herdlitschkes Wunsch. „Kennenlernen und zusammenrücken“, sagt sie. Zum Kennenlernen eignen sich die von den Frauen organisierten Kräuterwanderungen und Informationsveranstaltungen. Im Mai organisiere sie einen Themenabend zum naturnahen Gärtnern.

Der bisher größte Coup ist ihre Tassen-Aktion. Auch in Schönwalde gibt es gemeinsame Feierlichkeiten wie das Siedlungsfest. Und es gibt andere Vereine, die feierliche Anlässe haben. Wegwerf-Geschirr wird bei solchen Anlässen gern genutzt. Hier haben die Schönwalder Verwandlerinnen angesetzt und einen Aufruf zum Tassensammeln gestartet. Mit diesen errichteten sie beim Siedlungsfest ihren Stand mit Pfandtassen direkt neben dem Stand der Grundschule. Dort wurde Kaffee ausgeschenkt. Auf die Frage, ob die Kaffeetrinker das Getränk im Pfandbecher abnehmen würden, stimmten alle zu, erzählt Nicolaisen. Die Reaktion beflügelte, der Verein sammelte weiter Tassen, startete einen Aufruf an der Grundschule und im Netzwerk „Nebenan.de“ Um die vierhundert Tassen kamen zusammen. Die werden vom Verein verwaltet und kostenlos an Vereine und die Gemeinde ausgegeben. Das Prinzip ist einfach. Anrufen, die bestellten Tassen abholen und sauber gespült wieder abgeben. Zerbrochene Tassen ersetzen. Mehrere Sportvereine haben bereits Tassen ausgeliehen, die Grundschule griff beim Weihnachtsmarkt auf das nachhaltige Angebot zurück. Auch die Kita hat bereits zweimal die Leih-Tassen des Vereins genutzt.

Ende Februar feiert der Verein zweijähriges Bestehen. Die Heißgetränke gibt es dann natürlich aus Mehrwegtassen.

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