Boltenhagener Kunstprojekt „Ortszeit“ : Mythos Tarnewitz

Installation aus Sicherheitsglas von Annette Czerny in der Kirche auf der Paulshöhe
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Installation aus Sicherheitsglas von Annette Czerny in der Kirche auf der Paulshöhe

In Boltenhagen setzen sich die Künstler Czerny, Renate U. Schürmeyer und TO Helbig jetzt mit dem "Mythos Tarnewitz" auseinander, dem auch die Journalistin Rätzke in ihrer gleichnamigen Publikation nachspürte.

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24. November 2010, 11:42 Uhr

Das Meer in der Bucht liegt da als wäre nichts geschehen. Kein Luftzug ist zu spüren - Nachsaison. Die meisten Urlauber haben die Weiße Wiek verlassen. Nur der blau-violette Novemberhimmel und ein paar schwere Wolken spiegeln sich auf der glatten Wasseroberfläche. Darunter aber tun sich Abgründe auf.

"Ortszeit", so lautet der Titel des Kunstprojektes, das sich jetzt mit der Geschichte der Halbinsel Tarnewitz beschäftigt. Auf dem in den 1930er-Jahren vom Reichsarbeitsdienst angelegten Versuchsgelände mit Hafen und Flugzeuglandebahn testete die deutsche Wehrmacht früher Waffen für Kampfflugzeuge. Als die Amerikaner das Areal 1945 besetzten, versenkten sie die gefundene Munition im Meer. 1952 übernahm die Seepolizei das Objekt, das später der 4. Flottille der Volksarmee zugeordnet wurde. Ab 1963 versteckte die "Grenzbrigade Küste" ihre Patrouillenboote in der Bucht. Bis nach der Wende war die Halbinsel militärisches Sperrgebiet.

Ein Turm aus Brombeerdornen

An drei Orten in Boltenhagen setzen sich die Künstler Annette Czerny, Renate U. Schürmeyer und TO Helbig jetzt mit dem "Mythos Tarnewitz" auseinander, dem auch die Journalistin Angelika Rätzke in ihrer gleichnamigen Publikation nachspürte. Am unmittelbarsten ist der Geist des Ortes auf dem ehemaligen Versuchsgelände zu spüren. Egal, ob es der Turm aus Brombeerdornen von Renate U. Schürmeyer ist, der für Leid und Schmerz und für das Überwuchern von Vergangenheit steht. Oder die Scherben der Geschichte von Annette Czerny, die sich verstreut bis ins Wasser ergießen und wie Tränen aus vergangenen Tagen anmuten. Der Gegensatz zu der in Blickweite gelegenen Marina Weiße Wiek könnte größer nicht sein. Strahlend steht der 2008 eröffnete Hotelkomplex am Meeresufer. Als Spekulationsobjekt einer anderen Ära. Wie die Zeit wohl über ihn hinweggehen wird?

Interview mit Zeitzeugen

Im Kur- und Festsaal von Boltenhagen kommt dem Besucher die Ferienanlage wieder in den Sinn, wenn er vor TO Helbigs Arbeit "Zufluss - Abfluss" steht. Der in Pinnow lebende Künstler hat mit Pappmaché ein ins Meer mündendes Abflussrohr abgeformt, das er auf einem seiner Rundgänge in der Nähe von Boltenhagen gefunden hat. Rissig hängt die Haut an der Wand, während nebenan Fotos das einbetonierte Rohr draußen vor Ort dokumentieren. Dokumentarisch geht auch Renate U. Schürmeyer vor. 189 Menschen kamen bei dem Versuch ums Leben, über die Ostsee aus der DDR zu fliehen. Für jedes der Opfer steht in Schürmeyers Videoarbeit ein anonymes Datum. Konnten viele der Toten doch gar nicht mehr identifiziert werden, nachdem sie irgendwo an Land gespült wurden.

Gegen das Vergessen geht Schürmeyer auch mit ihrer Arbeit "Fragmente" an, die in der evangelischen Kirche auf der Paulshöhe zu sehen ist. Hierfür hat die in Jeese lebende Künstlerin Zeitzeugen aus Boltenhagen interviewt und deren Aussagen mit der Schreibmaschine auf kleine Tafeln geschrieben, die jetzt wie Gesangsbücher auf den Kirchenbänken stehen. Da ist etwa zu lesen, dass es ab 1953 in Boltenhagen aufgrund der Grenznähe kaum mehr private Pensionen gegeben habe und Feriengäste immer seltener wurden. Waren es Luftlinie übers Meer doch gerade mal 30 Kilometer bis in den goldenen Westen. Auf einer anderen Tafel steht: "Wenn mal jemand von den Verwandten über Nacht blieb, musste man ihn anmelden. Es gab in den Häusern die Hausbücher." Kaum mehr vorstellbar, schon heute. Obwohl seitdem gerade mal 20 Jahre vergangen sind.Kunstprojekt "Ortszeit", Kur- und Festsaal Boltenhagen, Klützer Straße 11, Sa+So 14-18 Uhr, Evangelische Kirche auf der Paulshöhe, Klützer Straße 1, täglich 10-18 Uhr, Freigelände Tarnewitzer Camp, bis 12. Dezember. Der Festsaal ist nur am Wochenende geöffnet.

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