Geschichte : Mutterkreuz im Wald

Viele Zeitzeugen, wie dieses dem Verfall preisgegebene Denkmal, erinnern in Wünsdorf (Teltow/Fläming) an die Geschichte des Territoriums.
Viele Zeitzeugen, wie dieses dem Verfall preisgegebene Denkmal, erinnern in Wünsdorf (Teltow/Fläming) an die Geschichte des Territoriums.

Archäologen und Historiker forschen zum Kriegsende bei Wünsdorf

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09. November 2015, 20:00 Uhr

Sie kämpften sich Hunderte Kilometer westwärts bis Berlin. Doch wo blieben die vielen Tausend Sowjetsoldaten unmittelbar nach der Zerschlagung des Hitlerregimes im Frühjahr 1945? Dieser Frage gehen 70 Jahre nach Kriegsende Archäologen und Historiker nach. Die Rotarmisten zogen sich in die märkischen Wälder rund um Berlin zurück, bis sie in einstige deutsche Kasernen übersiedelten. „Bei Grabungen wurden Hinterlassenschaften der Roten Armee gefunden“, sagt Thomas Kersting vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum.

Der Archäologe berichtet von Funden vor allem im westlichen und nördlichen Brandenburg. „Etwa 50 Fundstellen sind bekannt“, sagt er. Dort hätten einst Hunderte Blockhäuser gestanden, in denen die Soldaten lebten. Vertiefungen im Wald deuteten auf die Bauten hin, die die Soldaten 1945 aufgestellt hatten. „Wir vermuten, dass sie sich dort bis Herbst/Winter 1945 aufgehalten haben, ehe sie in noch vorhandene Kasernen eingezogen sind“, sagt der Archäologe. Die Holzhäuser gebe es nicht mehr.

Bei Grabungen an zwei Stellen seien beispielsweise Werkzeuge, Schilder mit Propaganda-Texten und alte sowjetische Abzeichen gefunden worden. „Auch Dinge aus dem zivilen Alltag der Soldaten haben wir entdeckt, wie Uhrenteile, Rasier- und Feuerzeug, Schmuck“, schildert Kersting.

Darunter waren auch Gegenstände, die die Soldaten offensichtlich der Zivilbevölkerung abgenommen hatten. In der Erde lagen Gürtelschnallen der Wehrmacht, die mit sowjetischen Symbolen überprägt wurden sowie Mutterkreuze und Orden. Dass die Funde aus der Zeit um das Kriegsende stammen, belegen deutsche, polnische und auch wenige sowjetische Münzen. Sie tragen Prägemarken aus den 1930er und 1940er Jahren, wie Kersting berichtet. Ein kyrillisch beschriftetes Schild weist das Datum „22.4.1945“ auf.

Warum ist dieses Thema erst jetzt für die Forschung interessant? „Es war wahrscheinlich keinem klar, dass das archäologisch und landesgeschichtlich von Interesse sein könnte“, sucht der Archäologe nach einer Deutung. Hobby-Archäologen hatten Waldlager entdeckt und das Landesamt eingeschaltet. „Sie sind vom Amt geschult und mit offenen Augen in Brandenburg unterwegs.“

Der Hobby-Historiker Klaus Stieger aus Müncheberg (Märkisch-Oderland) stieß bei Streifzügen auf ein Waldlager. Der 67-Jährige kennt die Gegend rund 30 Kilometer östlich von Berlin in- und auswendig, die seit 50 Jahren sein „Pilzwald“ ist. Die Soldaten seien dort offensichtlich auf ihren Rückmarsch vorbereitet worden. „Erst kamen sie vom Ural bis Berlin zu Fuß, dann mussten sie zurücklaufen“, sagt Stieger.

Zu den Waldlagern ist schriftliches Material bisher nicht bekannt. „Historisch wissen wir dazu kaum etwas“, sagt Archäologe Kersting. Befehle oder Unterlagen zu diesen Waldlagern der Roten Armee müsste es aber gegeben haben. Stieger betont: „Es gibt keine für uns einsehbaren Unterlagen.“

Er befragte Zeitzeugen zu dem Waldlager in der Nähe von Müncheberg. Sie berichteten von mindestens 20 000 Soldaten, die sich dort vorübergehend niedergelassen hatten. „Die Soldaten hausten in Erdbunkern“, sagt Stieger. Wahrscheinlich hätten auf dem freien Gelände auch Zelte und Baracken gestanden.

Die bei den Grabungen entdeckten Fundstücke sollen in einer Ausstellung gezeigt werden. Sie ist von Mitte März 2016 bis Ende Juni 2016 im Landesmuseum Paulikloster in Brandenburg/Havel geplant.  

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