Aus dem Gerichtssaal : Mutmaßlicher Kindermörder war unauffällig und kontaktscheu

Mit verdecktem Gesicht wartet Silvio S. auf den Prozessbeginn.
Mit verdecktem Gesicht wartet Silvio S. auf den Prozessbeginn.

Frühere Wegbegleiter erzählen vor dem Potsdamer Gericht von ihren Begegnungen mit Silvio S.

svz.de von
20. Juni 2016, 19:01 Uhr

Im Prozess um den Tod von Elias und Mohamed haben gestern vor dem Potsdamer Landgericht Zeugen aus dem Umfeld des Angeklagten ausgesagt. Sie zeichneten das Bild eines unauffälligen und verschlossenen Einzelgängers.

Es war am 28. Oktober 2015 um 20.38 Uhr, als Martin K. per WhatsApp das Foto von dem Mann im Schlabberpulli auf sein Handy bekam. Ein Bekannter hatte ihm das Bild einer Überwachungskamera und den Fahndungsaufruf mit den Worten „Hat aber Ähnlichkeit“ weitergeleitet. Martin K., der den Angeklagten von klein auf kennt, war geschockt, leitete das Foto an seine Schwester weiter, und die reichte es umgehend an die Schwester von Silvio S., die sofort zu ihrer Mutter eilte und Druck machte: „Entweder, du unternimmst was, oder ich gehe zur Polizei.“ Am nächsten Morgen, als er von seiner Schicht als Wachmann kam, stellte die Mutter ihren Sohn zur Rede und rief dann die Polizei. Kurz darauf wurde der geständige Doppelmörder festgenommen.

Zeuge Martin K., ein 30-jähriger Kfz-Meister aus dem gleichen Dorf wie Silvio S. in Teltow-Fläming, hatte ihn an dem Abend mit der Foto-Nachricht angerufen. Aber er leugnete die Tat: „Ich war es nicht. Wann soll ich das denn gemacht haben?“ Dann brach die Handy-Verbindung zusammen. K. nennt es eine Freundschaft, die ihn mit dem Angeklagten verband. Man sah sich ein, zwei Mal je Woche in einer Werkstatt, die K. gemietet hatte, um nach der Arbeit an Autos zu schrauben. Silvio S. sei schon immer ruhig, verschlossen und kontaktscheu gewesen, sagte der Zeuge. Über Probleme habe man kaum geredet, nur dass Silvio S. Geldsorgen hatte, wusste er.

Vor zwölf Jahren habe Silvio S. mal für eine Frau geschwärmt, erinnert sich Martin K. Der Angeklagte wollte wohl wirklich Frauen kennenlernen, versuchte es bei einer Online-Kontaktbörse. „Aber es scheiterte schon an der Kommunikation. Mehr als ,hallo’ fiel ihm nicht ein. Ich habe ihm Tipps gegeben, was er schreiben könnte, weiß aber nicht, wie das weiterging“, erzählt der Zeuge.

„Unvorstellbar“ sei es für ihn, dass sein Freund zwei kleine Kinder entführt, missbraucht und getötet haben soll. Noch zwei Tage vor seiner Festnahme habe man sich ganz normal getroffen. „Er war in der Zeit unverändert, hat lediglich noch intensiver auf sein Smartphone geblickt.“ Was er da sah, weiß Martin K. nicht. Nur ein Mal habe er gesehen, wie Silvio S. bei ebay ein rotes Kinderkleid kaufen wollte. „Für seine Nichte, dachte ich.“

Auch auf seiner Arbeitsstelle bei einem Teltower Sicherheitsdienst ist Silvio S. kaum aufgefallen. „Er hat seinen Job korrekt gemacht, wir waren zufrieden mit ihm und dann umso erschrockener, als wir von den Taten hörten“, sagte sein früherer Chef vor Gericht. Seit 2008 war S. in der Firma als Wachmann beschäftigt, nahm gern die Nachtschichten, fuhr Tanklager, Agrarbetriebe und Betonwerke der Region ab, um nach dem Rechten zu sehen.

Eine Arbeit ohne Gespräche, ohne größeren Kontakt zu Kollegen – ganz nach dem Geschmack des Angeklagten. Denn auch in der Luckenwalder Kleingartenkolonie, in der er sich Ende 2014 eine Parzelle zulegte, war er stets kurz angebunden. Mehr als „hallo“ sei da nicht gekommen, erzählen Nachbarn als Zeugen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen