Hertha BSC-Gründungsdampfer kehrt heim : Mühsam erhaltene Legende

Fanclubs auf einer Bootstour mit dem Hertha BSC Gründungsschiff HERTHA.
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Fanclubs auf einer Bootstour mit dem Hertha BSC Gründungsschiff HERTHA.

Hertha-Fans freuen sich über den Kauf ihres Gründungsdampfers – In der Prignitz fällt der Abschied schwer

svz.de von
05. Juni 2016, 09:00 Uhr

Ohne ihn würde es keinen Bundesligaklub mit dem Namen Hertha BSC geben. Der 130 Jahre alte Dampfer, der derzeit noch Fanclubs über die Kyritzer Seenkette befördert, soll im Winter wieder nach Berlin geholt werden. Doch auf der Spree droht Fahrverbot.

Es war der Knaller auf der jüngsten Hertha-Mitgliederversammlung: Der Fußballverein kauft sein Gründungsschiff zurück, teilten die Präsidiumsmitglieder vor zweiWochen mit. „Dann jibbet illegale Bootsrennen mit dem Unionsdampfer auf Spree, Havel und Dahme“, freut sich schon ein Adlershofer Fan auf Twitter. Doch ob die alte Dame „Hertha“, die vor 130 Jahren in Stettin vom Stapel lief, auf den Berliner Gewässern überhaupt fahren darf, ist ungewiss.

„Sie ist fit, aber für Bundeswasserstraßen gelten ganz andere Regelungen als bei uns im stehenden Gewässer“, sagt Marco Schimpke. Der Prignitzer hat als Betriebsleiter für die „Fünf Seen Reederei“ den Dampfer betreut, der noch bis Herbst über die Kyritzer Seenkette schippert. Auf der Internetseite www.hertha-dampfer.de hat der 45-Jährige auch die Geschichte des Ausflugsschiffes dokumentiert.

Die beginnt 1886 mit dem Bau in den Stettiner Oderwerken. Der Reeder benennt das Dampfschiff mit zwei Propellern nach seiner Tochter Hertha. Sechs Jahre später wollen die Brüderpaare Fritz und Max Lindner sowie Otto und Willi Lorenz einen Fußballklub gründen. Bei der Namenssuche erinnert sich Fritz an die schöne Dampferfahrt auf der Havel, die er kurz zuvor mit seinem Vater unternommen hatte. Auch das Blauweiß der Stralauer Stern-Reederei auf dem „Hertha“-Schornstein übernehmen die 16- und 17-Jährigen in ihren Vereinsfarben.

Doch das Alt-Berliner Original gerät nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit, auch weil es unter dem DDR-Pionierruf „Seid bereit“ über die Spree tuckert. 1964 wird das marode Schiff ausgemustert. Nur ein Zufall rettet es vier Jahre später vor dem Hochofen. Die Familie Dentler aus Wusterhausen/Dosse zieht den alten Kahn vom Schrott, ohne zu wissen, dass es sich um das „Hertha“-Original handelt. Als private Reederei erhält sie in der DDR keine Unterstützung.

Sie helfen sich mit alten Lkw-Motoren und Getrieben aus Restbeständen der Roten Armee. Bei dem Umbau vom Dampf- zum Motorschiff geht auch der historische umklappbare Schornstein verloren. Dafür beherbergt das Fahrgastschiff, das jetzt „Seebär“ heißt, nun ein anderes historisches Novum. Fenster, Aschenbecher und grüne Sitzbänke stammen aus dem „Fliegenden Hamburger“, einem Schnellzug der Deutschen Reichsbahn, der in den 30er-Jahren in Rekordgeschwindigkeit Berlin und Hamburg verbunden hatte. „Die Dentlers hatten einen Beiwagen von 1937 aus dem Bahnwerk Wittenberge ebenfalls als Schrott gekauft“, erzählt Schimpke.

Ein Schiffshistoriker identifiziert den umgebauten Dampfer schon 1976 als die alte „Hertha“. Der Name steht aber erst wieder seit 2002 am Bug. Seitdem gab es mehrere Anläufe des Vereins, den Dampfer zu erwerben. Vor vier Jahren soll es noch am Preis von damals 200 000 Euro gescheitert sein.

Doch nun gründete das Hertha-Präsidium eine Betreibergesellschaft. die eine wirksame Kaufvereinbarung zum 1. Januar 2017 besitzt. Über den Verkauf von 1892 Aktien an Hertha-Mitglieder soll die Übernahme finanziert werden. Doch zum weiteren Betrieb des maritimen Maskottchens will sich der Verein noch nicht äußern. Denkbar wäre ein Liegeplatz im Museumshafen in Berlin-Mitte, wo es als Vereinslokal dienen könnte.

Für Ostprignitz-Ruppin sei der Verkauf der Touristen-Attraktion ein Riesenverlust, sagt Marco Schimpke, der nach wie vor Buchungsanfragen von Fanclubs für den Sommer bekommt. Erst 2015 sei das Schiff durchgecheckt worden. Nach der Rumpfdicke könnte es noch 100 Jahre fahren. Die nächste Revision stünde 2019 an.

Doch um die „Hertha“ von der abgeschlossenen Kyritzer Seenkette nach Berlin zu bringen, wo der Dampfer keine Konzession hat, bleibt nur der Landweg, „Sie jetzt aus dem Wasser zu nehmen, könnte ihren Tod bedeuten“, fürchtet Schimpke. „Es wäre schade, wenn die so mühsam erhaltene Legende als rostige Mumie auf einem Spreearm vor sich hindümpelt.“

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