Industriekultur im Finowtal : Momentaufnahme des Verlustes

„Moderne Zeiten“ – Papiermaschinenhalle, Papierfabrik Wolfswinkel 2014. Eines der Fotos, mit denen Hans Jörg Rafalski seinen im Eigenverlag herausgebrachten Band „Erosion – Spuren der Industriekultur im Finowtal“ bebildert hat.
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„Moderne Zeiten“ – Papiermaschinenhalle, Papierfabrik Wolfswinkel 2014. Eines der Fotos, mit denen Hans Jörg Rafalski seinen im Eigenverlag herausgebrachten Band „Erosion – Spuren der Industriekultur im Finowtal“ bebildert hat.

In einem Erzählbildband spürt der Niederfinower Grafikdesigner und Buchautor Hans Jörg Rafalski der stummen Zeugen der Industrie nach

svz.de von
23. Dezember 2016, 05:00 Uhr

Nach und nach verschwinden die stummen Zeugen der Industriekultur in Eberswalde. Ein Verlust – und ein kollektives Versagen, findet Hans Jörg Rafalski. Der Niederfinower Grafikdesigner und Buchautor hält mit seinem Band „Erosion“ Spuren dieser vergessenen Orte fest. Papier und Kupfer gehören dazu, aber auch Eisen und Holz. Für Hans Jörg Rafalski sind es die Stoffe, aus denen die Industriesphäre im Finowtal gemacht ist.

Der Autor nennt sie Elemente und hat insgesamt acht davon ausgemacht. „Die Idee, die Stadtentwicklung unter dem Aspekt dieser Elemente zu betrachten, hatte ich schon als Schüler“, sagt der 51-Jährige. Nun hat der gebürtige Eberswalder, der vor vier Jahren nach Niederfinow zog, das Konzept ausgearbeitet und sich damit einen Traum erfüllt. „Ich wollte immer schon ein Buch machen“, sagt er. „Erosion“ heißt das Werk und ist im Dezember erschienen.

Im Vordergrund, der Titel legt es nahe, steht das, was geblieben, aber längst im Vergehen begriffen ist. „Ich will in Wort und Bild eine Momentaufnahme des Verlustes zeigen“, erklärt Hans Jörg Rafalski. Jedem Kapitel hat er eines der „Elemente“ zugeordnet. So dokumentiert er, wie sie die Entwicklung der Industriekultur in und um Eberswalde bestimmt haben – aber auch, wie gleichmütig sie dem Verfall preisgegeben wurden.

Unter der Überschrift „Eisen“ taucht etwa die ehemalige Eisengießerei Budde & Goehde in der Bergerstraße 24 auf. „Warum lässt man sie einstürzen?“, fragt Rafalski. Die alten Industrieanlagen wie dieser architektonisch bemerkenswerte Bau seien es, die Eberswalde einmalig machen. „Andere Städte nehmen so ein Erbe in die Hand und machen daraus Zukunft.“ Dass dies hier nicht passiert, bezeichnet der Autor als „kollektives Versagen“.

Wie man gegensteuern kann? Auf seiner Internetseite stellt Rafalski einige Ideen vor. „Sozusagen das konstruktive Gegenstück zu ,Erosion‘“, sagt er. Die Sammlung zeigt, dass sein Buchprojekt viel umfangreicher geworden ist als geplant. „Mit dem, was daraus geworden ist, habe ich mich selbst überfallen“, bekennt Rafalski. Historische Details hat der Grafikdesigner, der sein Diplom mal als Bauingenieur erworben hat, vor Ort und in Büchern sehr genau recherchiert. Für die Bearbeitung seines Materials – unter anderem Fotografien aus zwei Jahrzehnten – brauchte er mehr als zwei Jahre. Von der Idee über die Texte bis zur Gestaltung ist das Buch in Eigenregie entstanden. In der Berliner Druckerei stand Hans Jörg Rafalski zuletzt sogar mit an der Maschine und nahm jedes Bild eigenhändig ab. „Ich wollte jedes Detail selbst bestimmen“, sagt er. „In erster Linie habe ich das Buch ja für mich gemacht.“

Um einen Verlag hat sich der Autor daher gar nicht erst bemüht. „Ich will da komplett meinen eigenen Weg gehen – mit allen Risiken“, sagt er. „Erosion“ ist im Selbstverlag „Papierwerken“ erschienen. Weitere Werke sollen folgen. „Knapp zehn Bücher, an denen ich schreibe, habe ich hier zu liegen“, sagt Rafalski. „Die will ich nach und nach veröffentlichen.“ Das nächste Buch soll bereits 2017 herauskommen. Geografisch geht es dann weit weg vom Finowkanal. „Es ist ein Erzählbildband über Irland“, sagt der Niederfinower. Verlust aber bleibt sein Thema, wie eine Online-Leseprobe verrät.

Die Reaktionen auf sein erstes Buch dürften den Autor bestärkt haben. Schon in der ersten Woche nach Erscheinen gab es viele Rückmeldungen. „Ich war nicht darauf vorbereitet, dass die Leute so positiv reagieren“, sagt Hans Jörg Rafalski. 444 Exemplare hat die erste Auflage. „Ich hoffe, es ist realistisch, dass bis Januar hundert Bücher verkauft sind.“

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