Neuer Sozialbetrieb in Cottbus : Möbel für den kleinen Geldbeutel

Rainer Kern ist Geschäftsführer des neuen Sozialkaufhauses in Cottbus.
Rainer Kern ist Geschäftsführer des neuen Sozialkaufhauses in Cottbus.

Vom Kapitän zum Cottbus Sozialkaufhaus-Geschäftsführer – Viele Spenden und Zulieferungen schon wenige Tage nach der Eröffnung

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20. März 2018, 05:00 Uhr

Ein Magdeburger Verein betreibt bundesweit gut ein Dutzend Sozialkaufhäuser. Jetzt hat in Cottbus eine weitere Einrichtung dieser Art in Brandenburg eröffnet. Geschäftsführer ist ein früherer Kapitän, der Gutes tun will. Er verkauft gebrauchte Möbel wie Sofas und Schränke, Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen oder Herde an Bedürftige.

Die 430 Quadratmeter waren schneller zugestellt, als Rainer Kern erwartet hatte. Inzwischen ist kaum mehr Platz im erst vor wenigen Tagen eröffneten Sozialkaufhaus, um die nächsten Möbelspenden anzunehmen. Jetzt müssen Kern und sein Team schnell das ausliefern, was bereits verkauft ist. „Der Transporter ist drei bis fünf Mal täglich unterwegs“, sagt der Chef. Und jeden Tag rufen neue Leute an, die etwas abzugeben haben. Eigentlich bräuchte Kern schon jetzt ein zweites Lieferfahrzeug. Doch bislang fehlt das Geld.

Sozialmärkte boomen. Nicht erst seit dem großen Flüchtlingszuzug. Auch unter Einheimischen gibt es immer mehr bedürftige Menschen, die auf Spenden angewiesen sind. In Kerns Sozialkaufhaus in Cottbus-Sachsendorf finden sie vor allem gebrauchte Möbel. Eine gut erhaltene dreiteilige Flurgarderobe ist für 49 Euro zu haben, eine Schrankwand für 99 Euro, eine Schlafcouch für 179 und ein Regal für 19 Euro. Es gibt auch Elektrogeräte wie Waschmaschinen oder Herde, Second-Hand-Bekleidung insbesondere für Kinder und Haushaltswaren wie Geschirr oder Dekoartikel. Alle gespendeten Gegenstände werden kostenlos abgeholt. Auch die neuen Besitzer müssen für die Anlieferung nichts bezahlen – zumindest dann nicht, wenn sie innerhalb von Cottbus wohnen, sagt Rainer Kern.

Als Verkäufer macht er seine ersten Gehversuche. Der 57-Jährige ist Seemann, hat viele Jahre als Kapitän auf einem Container- und zuletzt auf einem Baggerschiff gearbeitet. Mit seiner Mannschaft war der geborene Cottbuser auf vielen Meeren unterwegs. Inzwischen sind seine Eltern pflegebedürftig und auf die Hilfe ihres Sohnes angewiesen. Das sei der Hauptgrund, warum er sich entschieden habe die Seefahrt aufzugeben und etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, erzählt Kern. Außerdem hat er drei Enkel, die er so oft wie möglich sehen will. „Früher hatte ich schon für meine Kinder nur wenig Zeit. Jetzt will ich wenigstens für meine Enkel genügend Zeit haben.“

Auf der Suche nach einer neuen Aufgabe in der Heimat war der 57-Jährige vor einem Jahr im Internet auf die Magdeburger Initiative „Help 2007“ gestoßen. Der gemeinnützige Verein – benannt nach dem englischen Begriff für Hilfe und dem Gründungsjahr – betreibt mit seinen Sozialkaufhäusern ein bundesweit agierendes Franchise-System. Inzwischen gibt es gut ein Dutzend Häuser; Kern hat das erste dieser Art in Brandenburg eröffnet.

Der Zuspruch ist bereits jetzt groß. Vor allem Sofas und Sessel, Tische und Stühle, aber auch Kühlschränke, Herde und Waschmaschinen stehen bei den ersten Kunden hoch im Kurs. Einen Berechtigungsschein oder Einkommensnachweis muss niemand vorzeigen; höchstens den Ausweis, wenn Ratenzahlung vereinbart wird. Kern bietet Käufern auch die Möglichkeit, Ware einige Tage zurückzulegen.

Neben dem Verkauf von Möbeln inklusive Lieferung und Aufbau bieten die Sozialkaufhäuser auch Wohnungsauflösungen, Umzugs- oder Renovierungshilfen an. Zurzeit hat Kern sechs Mitarbeiter, die er halbtags beschäftigt. Die meisten von ihnen kommen aus der Arbeitslosigkeit – wie Peggy, Mutter einer Patchworkfamilie mit sechs Kindern, die es auf dem ersten Arbeitsmarkt schwer hat. Kerns Ziel ist Vollbeschäftigung, sagt er. Doch dazu muss er zunächst ausreichend Geld erwirtschaften. Staatliche Fördermittel nimmt er nicht in Anspruch. Stattdessen habe er einiges an Privatkapital in seine neue Unternehmung gesteckt, berichtet der 57-Jährige.

Die angemieteten Gewerberäume haben er und sein Team größtenteils in Eigenleistung auf Vordermann gebracht. Sie haben den Fußboden gereinigt und die Wände gestrichen. Demnächst sollen noch einige Fenster durch Gitterstäbe geschützt werden. Kern hat Angst vor Diebstahl und Vandalismus. In einer benachbarten Kleingartenanlage seien erst kürzlich Unbekannte eingestiegen, sagt er. Bei einem über 80-jährigen Ehepaar sei eine Fensterscheibe eingeschlagen worden. Die Eheleute haben für das Sozialkaufhaus Möbel gespendet. Nun hofft Kern, dass er ihnen helfen kann. „Vielleicht hat jemand eine Fensterscheibe abzugeben.“

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