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Fahrrad-Kantor : Mit Rad und Noten auf Orgeltour

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Tagsüber tritt Martin Schulze in die Pedalen, abends sitzt er an der Orgel. Der Fahrrad-Kantor legt pro Jahr rund 15 000 Kilometer zurück

Auf dem Weg zur nächsten Orgel hat er Noten im Gepäck, aber auch Kartenmaterial, Wechselkleidung und Werkzeug zum Schlauchflicken. Martin Schulze, Kirchenmusiker aus Frankfurt (Oder), fährt per Rennrad zu seinen Konzerten – Hunderte Kilometer weit. Der 50-Jährige tourt durch Mecklenburg-Vorpommern, die Altmark (Sachsen-Anhalt) oder das Erzgebirge (Sachsen).

Dort sind in der Regel kleine Kirchengemeinden ohne Kantor sein Ziel. „Ich spiele da, wohin ich eingeladen bin. Die Angebote wurden immer mehr“, erzählt der durchtrainierte Nickelbrillen-Träger, der deutschlandweit als einziger Fahrrad-Kantor bekannt ist. Der Stopp bei Pfarrer Gerd Hinke in Letzlingen (Sachsen-Anhalt) gehört für ihn alljährlich zur Tradition. Dieser sagt über den Kantor: „Ich schätze seine Liebe auch zu kleinen Orgeln in abgelegenen Kirchen. Er ist sich für nichts zu schade.“

Gern Rad gefahren ist der gebürtige Berliner, der in Erkner (Oder-Spree) aufwuchs, schon in den 1980-er Jahren. Er absolvierte damals eine Tischler-Lehre und legte zum Betrieb und zur Berufsschule täglich 30 bis 60 Kilometer zurück. Erst in Wendezeiten konnte Schulze Kirchenmusik studieren.

Seit gut 20 Jahren reist der zweifache Vater per Pedale an, um Orgel zu spielen. „Kein Instrument ist wie das andere und damit immer wieder eine Herausforderung“, erklärt der Freiberufler seine Mission.

Los ging diese, als er eine halbe Kantoren-Stelle an der Nordsee hatte und ihm viel Zeit für Konzerte „auswärts“ blieb. Vor sechs Jahren verschlug es den Kantor mit seiner Familie nach Frankfurt(Oder). Seine Frau Martina fand dort einen Job als Veterinärmedizinerin. „Seit wir an der Oder wohnen, bin ich komplett freiberuflich tätig, kann mich auf das Orgelspielen konzentrieren und habe es bisher nicht bereut“, erzählt Schulze, der vier Fahrräder hat. Eines steht an der Ostsee, eines im Keller, zwei im Flur.

Mit einem Musiker verheiratet zu sein, sei nicht romantisch, sagt Ehefrau Martina. „Wenn ich frei habe, muss er arbeiten.“ Sie muss sich monatelang allein um die vier Jahre sowie neun Monate alten Töchter kümmern. Schulzes Fahrrad-Kantor-Saison beginnt im Mai und dauert bis Ende September. Etwa 120 Konzerte kommen zusammen. Bis zu 300 Kilometer legt er täglich zurück. Er versucht, alle vier Wochen nach Hause zu kommen.

Schulze übernachtet in Pfarrhäusern, mit Schlafsack und Isomatte bei Kirchenältesten oder im Gemeindesaal. „Ich bin da ziemlich anspruchslos“, sagt er. Anstrengend sei für ihn weniger die körperliche Belastung auf dem Rad, als der Umstand, „auf täglich andere Leute zu treffen, auf die ich mich einstellen muss.“

Außerhalb der Konzert-Saison arbeitet der Kirchenmusiker als Orgel-Sachverständiger in Ostbrandenburg. Kleinere Reparaturen und das Stimmen der Instrumente übernimmt er selbst. Stehen größere Reparaturen an, vermittelt er den Kirchengemeinden Fachfirmen, kümmert sich um Sponsoren und Fördermittel. Zudem leitet Schulze fünf Kirchenchöre in Ostbrandenburg.

Und er hält sich fit: Fast täglich fährt er große Touren auf dem Rad und übt auf der Sauer-Orgel mit ihren 36 Registern in der Frankfurter Gertraudenkirche. „Denn von nix kommt keine Kondition und kein virtuoses Musizieren. Das ist wie bei einem Leistungssportler“, lautet sein Kommentar. Wenn er über die als „Königinnen der Instrumente“ bezeichneten Orgeln spricht, gerät der Kantor ins Schwärmen. „Sie bieten so viele klangliche Varianten, die ich mit Händen und Füßen erzeuge.“ Schwerpunkte des Repertoires sind norddeutsche Barockmusik des 16. und 17. Jahrhunderts sowie deutsche Spätromantik des 18. Jahrhunderts.  

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